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18 Jan 12:45

What Blockchain Really Is

by Sven Türpe

Blockchain is not a technology, it is a meme. The legend of a magical technology about to disrupt everything – e-very-thing! – emerged from an ecosystem of investment fraud, where it was originally used to sell worthless coins and tokens to the gullible. The blockchain legend did not have to make sense to fulfill this purpose, quite to the contrary.

Due to media fascination with the speculative bubble formed by Bitcoin and other crypto-“currencies”, the blockchain legend spilled over into the real business world. It had everything it needed to spread: great promises instilling fear of missing out, explanations one could replicate by memorizing rather than understanding, and holes in just the right places that everyone could fill with their personal visions.

Application proposals, unsurprisingly, revolved around what people experienced in their everyday lives, such as tracking bananas from the farm to the supermarket or making payments. The blockchain legend would have worked just as well with any other alleged use case, as it did not promise any specific advantages compared to actual technology.

As a meme, the blockchain legend can spread only among those who want to believe, or at least accept the proposition that blockchain were a technology. The moment one understands the true nature of blockchain as a redundantly-decentrally spread meme one stops spreading the meme.

Two years have passed since peak blockchain. Fewer and fewer people continue to propagate the meme. I can see the light at the end of the tunnel.

09 Jan 12:53

Déjà-vu: Einheitliche Standards für digitale Signaturen zeichnen sich ab

by Ralf Keuper

Von Ralf Keuper

Hin und wieder stellt sich während der Lektüre von Interviews älteren Datums ein Déjà-vu – Erlebnis ein. So äußerte sich im Jahr 2000 der damalige Geschäftsführer von D-Trust, Berthold Stukenbröker, in einem Interview zuversichtlich, dass die verschiedenen Anbieter im E-Commerce sich schon bald auf die Verwendung einheitlicher Standards für die digitale Unterschrift einigen würden.

Bislang jedoch steht die flächendeckende Verbreitung der digitalen Signatur in Europa noch immer in den Anfängen, wenngleich die Zahl der Initiativen und Services in den letzten zwei Jahren zugenommen hat (Vgl. dazu: Bundesdruckerei und Procilon planen europaweite digitale Unterschrift). Mit eIDAS ist der regulatorische Rahmen für die Fernsignatur vorhanden. In einem Interview fasste Johannes Leser von Namirial Deutschland im vergangenen Jahr den aktuellen Stand zusammen. Leser empfiehlt die Signatur nicht isoliert zu betrachten:

Wichtig ist für die Gestaltung rechtsgültiger Prozesse, die Signatur nicht isoliert zu betrachten. Je nach Anwendung kann die Identifikation bedeutender sein als die Signatur oder die Identifikation spielt keine besonders große Rolle. 

In Italien ist die digitale Signatur dagegen schon weit verbreitet. In den anderen Ländern Europas, insbesondere in Deutschland, verläuft der Einsatz eher schleppend. Insofern hat sich seit 2000 nicht allzu viel getan.

12 Dec 22:56

Die letzten Blockchain-Evangelisten

by Sven Türpe

Zum zweiten Mal jährt sich in diesem Monat Peak Blockchain, der Höhepunkt der Krypto„währungs“- und Blockchain-Blase. Für einen kurzen Augenblick unserer Geschichte schien das Zauberwort Blockchain den Deutschen interessanter als die Hipster nährende Süßkartoffel. Seither ließ das Interesse schnell nach, denn dem Hype fehlte die Substanz. Wirklich plausibel war bereits Bitcoin nur als Spekulationsobjekt gewesen, das man wie einst Tulpenzwiebeln eine Blase lang handeln und dann als Wirtschaftsgut vergessen oder irgendwo zwischen Mehl und Kartoffel einsortieren würde. Die als Verkaufsargument für letztlich in beliebiger Anzahl frei halluzinierbare „Coins“ und „Token“ in die Welt gesetzte und gerne nachgeplapperte Legende von der revolutionären Blockchain-Technologie konnte daran nichts ändern.

Trendgraphen für Blockchain und Süßkartoffeln
Die Süßkartoffel wird alles revolutionieren, alles! Bringt den Euro auf die Süßkartoffel!

Bereits 2017, noch auf dem Weg zum Gipfel des Irrsinns, beleuchtete David Gerard in seinem Buch Attack of the 50 Foot Blockchain die Szene und mittlerweile kann man sich auch vom Security-Guru Bruce Schneier oder von gut bezahlten McKinsey-Beratern erklären lassen, was an den Geschichten von Coins, Token, Blockchains und Smart Contracts alles nicht stimmt und warum die Suche nach erfolgreichen Blockchain-Projekten so mühsam ist. Dazu passend hört man von den einst eilig aufgesetzten Blockchain-Projekten mancher Unternehmen heute nur noch wenig mehr mehr als von ihren ähnlich laut angepriesenen und gleichermaßen schlecht begründeten Avatar-Meetings und Gebäudemodellen in Second Life ein Jahrzehnt zuvor. Selbst die noch im Frühjahr vom Gesundheitsminister prämierte Idee einer digitalen Arbeitsunfähgkeitsbescheinigung mit Blockchain verschwand auf dem Weg zum Gesetz leise in der Schublade, denn eine Krankenkasse hatte bereits Jahre zuvor eine ohne Digitalvoodoo funktionierende Lösung entwickelt und getestet. Zu guter Letzt beerdigte auch die Bundesregierung das ihr aufgedrängte Thema, indem sie gesichtswahrend eine Blockchain-Strategie verabschiedete, ohne sich zu etwas zu verpflichten.

Um jetzt noch an der Blockchain-Legende zu stricken, müsste man schon sehr realitätsverdrossen sein, und doch versuchen einige genau dies und schwadronieren vom digitalen Euro, der schnell „auf die Blockchain“ müsse, oder neu ausgeschmückt von einer revolutionären Wundertechnologie nun nicht mehr hinter Bitcoin, sondern hinter dem vorerst ebenfalls gescheiterten Facebook-Projekt Libra. Was sie dazu treibt, bleibt ihr Geheimnis.

Kein Geheimnis bleiben die Nachrichten. So sieht der Präsident der amerikanischen Nationalbank Federal Reserve keinen Bedarf für einen staatlichen Digitaldollar und der venezolanische Petro blieb von Anfang an nur ein Verzweiflungsakt, der dem gebeutelten Land nicht helfen konnte und es vielleicht nicht einmal sollte. Facebooks groß angekündigte Privatwährung Libra harzt, wie man am Sitz der Libra Association in der Schweiz sagen würde, seit sich zeigte, dass Libra von den ursprünglichen Ideen der Krypto„währungen“ weniger deren Architektur denn ihre Ignoranz gegenüber jeder Finanzmarktregulierung übernehmen wollte. Ins Geschäft mit dem Zahlungsverkehr einzusteigen mag für ein Unternehmen wie Facebook attraktiv sein, aber dabei handelt es sich am Ende nur um ein Bankgeschäft wie jedes andere. Technisch braucht man dafür nicht mehr als eine Datenbank und über eine eigene Verrechnungseinheit verfügte mit dem Linden Dollar bereits Second Life – Jahre vor Bitcoin.

Was die ebenso gerne als Kronzeugen angeführten fernen Chinesen treiben, wissen wir im Westen nicht so genau. Vor unserer Haustür hingegen finden wir das lehrreiche Beispiel der schwedischen E-Krone. Unter diesem Arbeitstitel beschäftigt sich die Schwedische Reichsbank mit der Frage, ob sie ein elektronisches Zentralbankgeld herausgeben soll und wie ein solches funktionieren könnte. Die Motivation dazu liegt nicht in der Wundertechnik Blockchain, sondern im elektronischen Zahlungsverkehr, der das Bargeld in Schweden weitgehend abgelöst hat. Während sich die Banken früher Bargeld bei der Zentralbank besorgen mussten, arbeiten sie nun vorwiegend mit Buchgeld, welches sie selbst schöpfen. Damit aber geht der Einfluss der Zentralbank zurück, auf den sich die klassischen Instrumente der Geld- und Währungspolitik stützen.

Die E-Krone steht für die Suche nach einem elektronischen Ersatz, der die Funktion der Zentralbank in die Ära des volldigitalen Zahlungsverkehrs hinüberrettet. Notwendig wird dieser Versuch, weil die Banken dezentral selbständig Buchgeld schöpfen können, eine wirtschaftlich nützliche Funktion, die jedoch beaufsichtigt und gesteuert werden muss. Die E-Krone und Krypto„währungen“ verfolgen mithin gegensätzliche Ziele. Bitcoin und seine Nachahmer traten mit dem Anspruch an, zentrale Instanzen überflüssig zu machen und alle Vorgänge redundant-verteilt abzuwickeln. Heraus kamen dabei Systeme mit gravierenden Mängeln: geringe Leistung und Zuverlässigkeit bei hohem Energieverbrauch, hohes Risiko für Nutzer wegen problematischer Benutzerschnittstellen bei fehlenden Korrekturmöglichkeiten sowie die ökonomischen Folgen ungenügender Aufsicht sind nur einige davon.

Zur Rettung einer Zentralbank dürften Ansätze, die deren Abschaffung um jeden Preis versuchen und die genau deswegen in der Praxis scheitern, nur wenig beitragen. Stattdessen wird es sinnvoll sein, sich alle plausiblen Vorschläge für digitales Geld von eCash bis zur Geldkarte noch einmal anzuschauen und zu überlegen, wie man diese Entwürfe weiterentwickeln könnte. Bitcoin und Konsorten fallen schon mal raus: Nach Ansicht der Reichsbank handelt es sich dabei gar nicht um Geld (deshalb die Gänsefüßchen im Wort Krypto„währung“). Ob Schweden am Ende jemals eine E-Krone bekommt und wie sie gegebenenfalls funktionieren soll, bleibt vorerst offen. Vielleicht braucht es am Ende auch ganz andere Mechanismen für die Bankenaufsicht und Geldpolitik.

Von den letzten Blockchain-Evangelisten liest man dazu nichts. Sie raunen nur weiter von der Magie der Blockchain und einer großen Zukunft der Krypto„währungen“, die man nicht verpassen dürfe. Wer ihnen noch zuhört, ist selbst schuld.

12 Dec 17:14

Die Kunstgalerie für Radfahrende

by noreply@blogger.com (Christine Lehmann)
Würde ich nicht Rad fahren, würde ich diesen Ort nicht kennen: unterirdisch, abgeschieden, düster, aber immer beleuchtet und wildbunt. 

Alle Radfahrende kennen ihn, die auch nur einmal von Stuttgart über die König-Karls-Brücke oder von Ungtertürkheim zum Neckardamm Richtung Max-Eyth-See geradelt sind, oder in Gegenrichtung. Viele Wochenendausflügler, Hunderte Radpendler/innen. Autofahrende sehen ihn nie. Fußgänger/innen nur manchmal.

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05 Dec 21:08

Measuring Fraud and Fairness (Sharad Goel’s two talks at Columbia next week)

by Andrew

MONDAY DSI TALK

One Person, One Vote

Abstract: About a quarter of Americans report believing that double voting is a relatively common occurrence, casting doubt on the integrity of elections. But, despite a dearth of documented instances of double voting, it’s hard to know how often such fraud really occurs (people might just be good at covering it up!). I’ll describe a simple statistical trick to directly estimate the rate of double voting — one that builds off the classic “birthday problem” — and show that such behavior is exceedingly rare. I’ll further argue that current efforts to prevent double voting can in fact disenfranchise many legitimate voters.

Paper: https://5harad.com/papers/1p1v.pdf

TUESDAY PRC TALK

The Measure and Mismeasure of Fairness: A Critical Review of Fair Machine Learning

Abstract: The nascent field of fair machine learning aims to ensure that decisions guided by algorithms are equitable. Over the last several years, three formal definitions of fairness have gained prominence: (1) anti-classification, meaning that protected attributes — like race, gender, and their proxies — are not explicitly used to make decisions; (2) classification parity, meaning that common measures of predictive performance (e.g., false positive and false negative rates) are equal across groups defined by the protected attributes; and (3) calibration, meaning that conditional on risk estimates, outcomes are independent of protected attributes. In this talk, I’ll show that all three of these fairness definitions suffer from significant statistical limitations. Requiring anti-classification or classification parity can, perversely, harm the very groups they were designed to protect; and calibration, though generally desirable, provides little guarantee that decisions are equitable. In contrast to these formal fairness criteria, I’ll argue that it is often preferable to treat similarly risky people similarly, based on the most statistically accurate estimates of risk that one can produce. Such a strategy, while not universally applicable, often aligns well with policy objectives; notably, this strategy will typically violate both anti-classification and classification parity. In practice, it requires significant effort to construct suitable risk estimates. One must carefully define and measure the targets of prediction to avoid retrenching biases in the data. But, importantly, one cannot generally address these difficulties by requiring that algorithms satisfy popular mathematical formalizations of fairness. By highlighting these challenges in the foundation of fair machine learning, we hope to help researchers and practitioners productively advance the area.

Paper: https://5harad.com/papers/fair-ml.pdf

06 Nov 22:26

Seven Security Strategies, Summarized

by Richard Bejtlich
This is the sort of story that starts as a comment on Twitter, then becomes a blog post when I realize I can't fit all the ideas into one or two Tweets. (You know how much I hate Tweet threads, and how I encourage everyone to capture deep thoughts in blog posts!)

In the interest of capturing the thought, and not in the interest of thinking too deeply or comprehensively (at least right now), I offer seven security strategies, summarized.

When I mention the risk equation, I'm talking about the idea that one can conceptually image the risk of some negative event using this "formula": Risk (of something) is the product of some measurements of Vulnerability X Threat X Asset Value, or R = V x T x A.

  1. Denial and/or ignorance. This strategy assumes the risk due to loss is low, because those managing the risk assume that one or more of the elements of the risk equation are zero or almost zero, or they are apathetic to the cost.
  2. Loss acceptance. This strategy may assume the risk due to loss is low, or more likely those managing the risk assume that the cost of risk realization is low. In other words, incidents will occur, but the cost of the incident is acceptable to the organization.
  3. Loss transferal. This strategy may also assume the risk due to loss is low, but in contrast with risk acceptance, the organization believes it can buy an insurance policy which will cover the cost of an incident, and the cost of the policy is cheaper than alternative strategies.
  4. Vulnerability elimination. This strategy focuses on driving the vulnerability element of the risk equation to zero or almost zero, through secure coding, proper configuration, patching, and similar methods.
  5. Threat elimination. This strategy focuses on driving the threat element of the risk equation to zero or almost zero, through deterrence, dissuasion, co-option, bribery, conversion, incarceration, incapacitation, or other methods that change the intent and/or capabilities of threat actors. 
  6. Asset value elimination. This strategy focuses on driving the threat element of the risk equation to zero or almost zero, through minimizing data or resources that might be valued by adversaries.
  7. Interdiction. This is a hybrid strategy which welcomes contributions from vulnerability elimination, primarily, but is open to assistance from loss transferal, threat elimination, and asset value elimination. Interdiction assumes that prevention eventually fails, but that security teams can detect and respond to incidents post-compromise and pre-breach. In other words, some classes of intruders will indeed compromise an organization, but it is possible to detect and respond to the attack before the adversary completes his mission.
As you might expect, I am most closely associated with the interdiction strategy. 

I believe the denial and/or ignorance and loss acceptance strategies are irresponsible.

I believe the loss transferal strategy continues to gain momentum with the growth of cybersecurity breach insurance policies. 

I believe the vulnerability elimination strategy is important but ultimately, on its own, ineffective and historically shown to be impossible. When used in concert with other strategies, it is absolutely helpful.

I believe the threat elimination strategy is generally beyond the scope of private organizations. As the state retains the monopoly on the use of force, usually only law enforcement, military, and sometimes intelligence agencies can truly eliminate or mitigate threats. (Threats are not vulnerabilities.)

I believe asset value elimination is powerful but has not gained the ground I would like to see. This is my "If you can’t protect it, don’t collect it" message. The limitation here is obviously one's raw computing elements. If one were to magically strip down every computing asset into basic operating systems on hardware or cloud infrastructure, the fact that those assets exist and are networked means that any adversary can abuse them for mining cryptocurrencies, or as infrastructure for intrusions, or for any other uses of raw computing power.

Please notice that none of the strategies listed tools, techniques, tactics, or operations. Those are important but below the level of strategy in the conflict hierarchy. I may have more to say on this in the future. 
Copyright 2003-2020 Richard Bejtlich and TaoSecurity (taosecurity.blogspot.com and www.taosecurity.com)
05 Nov 11:12

So geht das gar nicht!

by noreply@blogger.com (Christine Lehmann)
Eine Radampel schickt die Radler in den Abbiegeverkehr der Autos, die auch Grün haben.  

So geschieht es auf dem linksseitigen Neckartalstraßenradweg Richtung Reinhold-Maier-Brücke. Blogleserin Tanja hat mir geschrieben, weil sie jeden Arbeitstag auf dem Rückweg von Ludwigsburg nach Cannstatt an der Reinhold-Maier-Brücke ins Grübeln gerät.

Von Ludwigsburg her kommt ein Zweirichtungsradweg zur Reinhold-Maier-Brücke. Man passiert vorher eine Tankstelle, die man auch überleben muss. Dazu Tanja: "Zwei Mal umgefahren, mehrere Vollbremsungen, unendliche Beleidigungen." Die größere Gefahr kommt aber noch.
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05 Nov 11:11

Deutsch-deutsches Missverständnis

by Sven Türpe

Warum viele im Osten AfD wählen und weshalb Belehrung und Schelte sie davon nicht abbringen – eine subjektive Hypothesenbildung

Thüringen hat einen neuen Landtag gewählt und im Ergebnis scheint – geografisch ein Zufall, politisch jedoch nicht überraschend – ein Hauch Weimar durch. Gleich hinter der Linken als Wahlgewinner, dies ein Thüringer Spezifikum, kam die AfD mit einem Viertel der Wählerstimmen ins Ziel, nach Brandenburg und Sachsen vor einigen Wochen ein weiterer Erfolg für sie. Wie schon die ganzen Wahlkämpfe hindurch steht die veröffentlichte Meinung händeringend vor dem Ossi und fragt sich, wieso der einfach nicht aufhöre, rechts zu wählen, habe man ihm doch nun oft genug gesagt, dass sich das nicht gehöre und was für Halunken die gewählten seien. Warum nur höre der Ossi nicht? Liege es an seiner Erziehung in der vor dreißig Jahren untergegangenen DDR, an unverarbeiteten Kränkungen nach 1990 oder gar in seinem Blut, dass er die AfD für bürgerlich und wählbar halte, oder trage am Ende Thilo Sarrazin die Schuld an allem? Und wieso überhaupt habe ausgerechnet der Ossi etwas gegen Ausländer, gebe es doch bei ihm zu Hause gar nicht so viele davon? Müsse man am Ende gar so viele dort ansiedeln, dass er es endlich lerne?

Die AfD steht für restriktive Zuwanderungspolitik und die Zurückdrängung des Islam und wird genau deswegen gewählt. Das macht andere fassungslos. Aus ihrer Sicht ist das ein Rückfall in finstere Zeiten und sie können sich den wachsenden Zuspruch nur wahlweise mit Dummheit oder Böswilligkeit der Wählerinnen und Wähler erklären. Tatsächlich jedoch beziehen sich beide Seiten auf unterschiedliche Zuwanderungserfahrungen und Entwicklungsstände. Vielen im Westen sowie progressiven Kräften im Osten scheinen Grundsatzfragen der Zuwanderung geklärt: Deutschland habe sich über Jahrzehnte zum Einwanderungsland entwickelt und das sei auch gut so. Aus ihrer Sicht kommt jedes Rütteln daran einem Rückschritt gleich. Diese Perspektive stützt sich auf die westdeutsche Zuwanderungserfahrung von den Gastarbeitern über die Asyldebatte bis heute. Aus ostdeutscher Perspektive hingegen erscheint sichtbare Zuwanderung, zumal aus islamisch geprägten Kulturkreisen, als eine neue Entwicklung der letzten zehn Jahre mit einer dramatischen und unmotivierten Zuspitzung um das Jahr 2015. Grundverschiedene Sichten auf dasselbe Geschehen und wechselseitiges Unverständnis, welches das jeweilige Gegenüber als gefährlichen Irren erscheinen lässt, sind aus diesen unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven zu erklären.

Die Trennlinie dazwischen verläuft nicht streng zwischen Ost und West, es handelt sich überhaupt eher um eine statistische Auffälligkeit denn eine scharfe Abgrenzung. Dennoch bilden die ungleichen Geschichten der Migration nach West beziehungsweise Ost den Schlüssel zum Verständnis.

Zuwanderung in den Westen:
Eine mühsame Erfolgsgeschichte

Die Wurzeln der gesamtdeutschen Migrationspolitik liegen im Westen. Der westdeutsche Weg zu Einwanderungsland begann, zunächst unbewusst und in der Konsequenz unbeabsichtigt, in den 1950er Jahren mit der Anwerbung von Gastarbeitern. Unter deren Herkunftsländern waren mit der Türkei, Marokko und Tunesien seit Anfang der 60er Jahre auch islamisch geprägte Länder. Die Vorstellung vom nur vorübergehenden Aufenthalt der Gastarbeiter musste bald der Einsicht weichen, dass viele bleiben und Familien nachholen wollten, was sie auch taten. Mit dem Anwerbestopp 1973 hörte die Zuwanderung nicht auf, sondern setzte sich mit Familiennachzug, Asylsuchenden sowie zeitweise mit Aussiedlern fort.

In den 80er Jahren mehrten sich Ängste vor „Überfremdung“  und eine heftige, lange andauernde Auseinandersetzung um die Zuwanderungspolitik der alten Bundesrepublik setzte ein. So sinnierte Anfang der 80er Jahre der frischgebackene Bundeskanzler Kohl insgeheim, der in Deutschland lebenden Türken gebe es zu viele und zu sie seien zu fremd, weshalb man ihre Zahl um die Hälfte reduzieren müsse. Wenig später legte seine Regierung mit diesem Ziel eine nur mäßig erfolgreiche Rückkehrprämie auf. Ab Mitte der 80er Jahre erstarkten die Republikaner unter Franz Schönhuber, erzielten eine Zeitlang Achtungserfolge bei Wahlen und zwangen insbesondere die Union, sich mit der richtigen Balance zwischen Öffnung und Abgrenzung am rechten Rand zu beschäftigen. Ebenfalls Mitte der 80er verkleidete sich aber auch Günter Wallraff als Türke Ali, führte den Deutschen in seiner Reportage „Ganz unten“ ihren Umgang mit den Zuwanderern vor Augen und erinnerte sie daran, was sie an „ihren“ Türken hatten: willige und billige Arbeitskräfte für besonders schmutzige oder gefährliche Tätigkeiten.

Die Asyldebatte sollte über die Vereinigung hinaus anhalten, bis sie 1993 nach einem kräftigen Anstieg der Asylbewerberzahlen mit dem Asylkompromiss zwischen CDU/CSU und SPD beendet wurde. Diese Neuregelung des Asylrechts sollte die Inanspruchnahme des Asylrechts erschweren und erreichte dieses Ziel auch. Die nunmehr gesamtdeutschen Asylbewerberzahlen gingen in den folgenden anderthalb Jahrzehnten immer weiter zurück. Ebenfalls 1993 wurde „Überfremdung“ zum Unwort des Jahres  ernannt.

Unterdessen waren die Kinder der einstigen Gastarbeiter erwachsen geworden und schickten sich an, die von Wallraff beschriebenen Verhältnisse hinter sich zu lassen und vollwertige Mitglieder der deutschen Gesellschaft zu werden, schließlich waren sie hier geboren. Im Jahr 1994 zogen mit Leyla Onur und Cem Özdemir die ersten Abgeordneten mit türkischen Eltern in den Bundestag ein. Langsam wich die Überfremdungsangst der Einsicht, dass Zuwanderung nun einmal stattgefunden hatte und in einem kontrollierten Rahmen weiter stattfinden würde. Der Sprachgebrauch wandelte sich, aus Ausländern und Asylanten wurden erst ausländische Mitbürger und dann Mitbürger mit Migrationshintergrund. Um die Jahrtausendwende regelte die rot-grüne Koalition von Bundeskanzler Schröder Sachfragen wie wie die doppelte Staatsbürgerschaft und die Zuwanderung von Fachkräften.

Die Zuwanderung der Vergangenheit war nun normalisiert und setzte sich vorerst nur in geringem Umfang fort. Die damit zusammenhängenden Debatten hörten allerdings nicht einfach auf, sondern fokussierten sich nach dem 11. September 2001 und weiteren islamistischen Terroranschlägen zunehmend auf den Umgang mit dem eingewanderten Islam. Davon zeugen zu Beispiel die Kontroverse um die DİTİB-Zentralmoschee in Köln und Bestseller wie Henryk M. Broders „Hurra, wir kapitulieren!“ oder Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“  sowie die Reaktionen darauf. Nichtsdestotrotz erscheint die Zuwanderungserfahrung (West) in der Summe als eine mühsam erkämpfte Erfolgsgeschichte. Mögen auch Probleme und Reibereien bleiben und sich Debatten etwa am Umgang deutscher Fußball-Nationalspieler mit der türkischen Regierung entzünden, so lebt doch eine große Zahl einstiger Einwanderer und ihrer Nachkommen gut integriert in Deutschland und Döner Kebab ist ein deutsches Nationalgericht geworden. So könnte es für immer weitergehen.

Zuwanderung in den Osten:
Lange nichts, dann ein Schock

Der Osten erlebte Zuwanderung ganz anders, nämlich lange Zeit überhaupt nicht beziehungsweise nur als Zuschauer im Westfernsehen, und vor kurzem dann real und als Schock. Auch die DDR begann in den 60er Jahren mit der Anwerbung von Vertragsarbeitern und steigerte deren Anzahl bis zu ihrem Ende kontinuierlich. Ihre Gesamtzahl blieb jedoch vergleichsweise gering und eine Bleibeperspektive bekamen sie nie. Auch sonst bestanden keine Anlässe für eine nennenswerte Einwanderung in die DDR – wer wollte schon in ein Land, das seine Bürgerinnen und Bürger mit Mauern und Soldaten vom Davonlaufen abhalten musste.

Daran änderte sich nach dem Beitritt zur Bundesrepublik zunächst wenig. Zwar trat in der gesetzarmen Zeit nach dem Zusammenbruch der alten staatlichen Ordnung ein unerwartet dicker Bodensatz an Ausländerhass und Rechtsextremismus zutage und mischte sich mit den Pogromen von Hoyerswerda und Rostock sowie weiteren Angriffen auf die wenigen anwesenden Ausländer in die Endphase der nunmehr gesamtdeutsch gewordenen Asyldebatte ein, doch Zuwanderung und Integration blieben im Wesentlichen ein Thema des Westens. Der Osten kämpfte mit seiner Entindustrialisierung, mit Geburtenrückgang und Abwanderung. Obendrein zogen bis 1994 die sowjetischen Streitkräfte ab. Das Land leerte sich; wer blieb, war mit sich beschäftigt und bis auf einige großmäulige Besserwessis kam niemand und störte dabei. Anlässe für Zukunftssorgen gab es reichlich, doch Migration gehörte bei nüchterner Betrachtung kaum dazu. Zudem gingen die Asylbewerberzahlen ab 1993 schnell zurück und ein paar russlanddeutsche Aussiedler waren nicht halb so fremd wie Moscheen und Kopftücher. Berlin-Kreuzberg mochte ein Klein-Istanbul sein, in Rostock, Jena oder Dresden hingegen war bis auf zunehmende gastronomische Diversität von Zuwanderung wenig zu spüren. Wenigstens das blieb im großen Umbruch konstant.

Ein wenig EU-Binnenwanderung mochte stattfinden, aber sie war keine Bedrohung blieb unauffällig. Anderes wurde nach der Jahrtausendwende sichtbar. So kam es etwa 2007/08 zum Leipziger Disko-Krieg, Auseinandersetzungen zwischen einer Gruppe von Männern mit diversen Migrationshintergründen, die sich selbst Kanaken nannten, und der örtlichen Türsteherszene. Der Höhepunkt im Frühjahr 2008: Randale im Nachtleben der Leipziger Innenstadt mit einem Todesopfer. Offenbar gab es jetzt auch „bei uns“ Ausländergangs, die um sich schossen. Das 1990 schnell aufgetauchte Zuhältermilieu hatte sich zwar ähnlich benommen, aber noch überwiegend mit den Akzenten der Brüder und Schwestern gesprochen.

Ebenfalls in Leipzig zeigte sich einige Jahre später und nach der Sarrazin-Debatte auch der Islam, als 2013 die Ahmadiyya-Gemeinde im Rahmen ihres 100-Moscheen-Plans die Errichtung der ersten Kuppelmoschee im Osten außerhalb Berlins plante. Dieses Vorhaben löste Proteste aus, die rückblickend wie eine Ouvertüre zum Auftritt von PEGIDA ein Jahr später in Dresden wirken. Mehr als die Hälfte der Ostdeutschen fühlte sich zu diesem Zeitpunkt vom Islam bedroht und nun stand er auf einmal vor der Tür und baute eine Moschee.

Obwohl solche Ereignisse punktuell blieben und einzeln wie in der Summe kein Drama darstellten, blieben sie als überraschend und gewöhnungsbedürftig im Gedächtnis. Parallel dazu setzte eine weitere Entwicklung ein: Ab 2009 nahm die Zahl der Asylbewerber in Deutschland wieder zu und dieser Trend beschleunigte sich bis 2015. Von 2012 bis 2016 wuchs die Zahl der Asylanträge exponentiell mit ungefähr einer Verdoppelung im Jahrestakt. Auf dem Höhepunkt 2015, als die jährlichen Asylbewerberzahlen sogar jene von 1992 während der Asyldebatte überstiegen, regte sich gesamtdeutscher Unmut. Die daraus resultierenden subjektiven Erfahrungen aber unterschieden sich fundamental zwischen Ost und West.

Im Westen fiel diese Welle zwar auf, aber vielerorts nicht als dramatische Veränderung einer ohnehin migrationserfahrenen Gesellschaft. Für den Osten hingegen war es die erste große Einwanderungswelle überhaupt seit der Flucht und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkrieges. Sie kam ohne Einladung und ohne das Eigennutzversprechen der Gastarbeiter und sie brachte den Islam mit, den man zwar selbst vor allem aus dem Fernsehen oder vielleicht von Urlaubsreisen kannte, der aber keinen einwandfreien Leumund mehr hatte. Alleine zahlenmäßig brachte diese Migrationswelle für den Osten eine viel größere relative Veränderung mit sich als für den Westen. Binnen weniger Jahre verdoppelten sich die Anzahl und der Bevölkerungsanteil von Ausländern etwa in Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Binnen kurzer Zeit wurde Zuwanderung sicht- und greifbar, die sich vorher nur langsam und im Stillen abgespielt hatte. Dieser Vorgang muss auf viele im Osten schockierend gewirkt haben.

Frontenbildung und Wechselseitiges
Unverständnis

Hier brach die Kommunikation zusammen und es bildeten sich jene Fronten, die einander bis heute verständnislos und unversöhnlich gegenüberstehen. Wer die westliche Einwanderungsgeschichte verinnerlicht hatte und positiv bewertete, wer das „Wir schaffen das!“ der Kanzlerin teilte, sah in der Sache kein übergroßes Problem. Wer jedoch schockiert war, sei es nun objektiv gerechtfertigt oder nur aus subjektivem Erleben, fragte sich hingegen, was da geschah, warum es geschah, und warum „uns“ niemand gefragt hatte. In einer besseren Welt hätte man darüber ruhig und sachlich debattiert, doch das geschah nicht. Wann immer die Schockierten versuchten, sich zu artikulieren – gewiss oft unbeholfen und im Verein mit falschen Verbündeten, aber doch im Grundsatz legitim und nachvollziehbar – wirkten sie auf die anderen nur wie Echos vergangener Asyl- und Sarrazin-Debatten und war nicht der Osten schon immer etwas zu rassistisch und rechtsextrem gewesen? Als Antwort auf diese vermeintlich bekannten Schlüsselreize folgten routinierte Abwehrreaktionen, der Kampf „gegen rechts“ wurde verschärft.

Doch das rhetorische Arsenal der Ablehnung, Ausgrenzung und Delegitimierung wirkt doppelt kontraproduktiv. Nicht nur behinderte seine Anwendung einen konstruktiven Dialog und wechselseitiges Verständnis, es weckte auch seinerseits Abwehrreflexe. Im Osten erinnert sich so mancher noch daran, wie einst die Funktionäre in der DDR ihre Diskursmacht ausübten, wie jeder wusste, welche Äußerungen erlaubt und erwünscht waren und welche man besser unterließ, wenn man keinen Ärger bekommen wollte. Ebenso gut erinnert man sich an die späteren Belehrungen der Besserwessis in der Zeit der faktischen Zwangsverwaltung durch den Westen. Das wollte man sich nicht noch einmal gefallen lassen. Auch offensiver verbaler Antifaschismus wirkt nicht als Einladung zum Dialog, wenn sich das Gegenüber aus eigenem Erleben oder familiärer Überlieferung noch an den amtlichen Euphemismus vom antifaschistischen Schutzwall erinnert und daran, wie man ihn eines Tages unter großem Jubel von allen Seiten durchlöcherte.

Diese Kommunikationsstörung hält bis heute an und mittlerweile sieht jeder im anderen einen Haufen gefährlicher Irrer, weil es nie einen offenen und gelassenen Austausch über die unterschiedlichen Erlebnisse und Voraussetzungen gab. Stattdessen machten die einen den „besorgten Bürger“ zum Schimpf- und Spottbegriff, während sich die anderen mit ihren für sie realen und berechtigten Sorgen alleine gelassen fühlen. Dahinter steckt oft nicht einmal böser Wille, sondern nur die Unfähigkeit, die Perspektive von Menschen aus einem etwas anderen Land zu sehen. So berichtet nach der Thüringer Landtagswahl eine Lehrerin auf Twitter von Reaktionen ihrer Schülerinnen und Schüler, 75% mit Migrationshintergrund, auf das Wahlergebnis und deren Befürchtungen sind rührend und nachvollziehbar. Auf die Schockierten (Ost) aber wirken die beiläufig und selbstverständlich erwähnten drei Viertel wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt, welche neuerdings anscheinend auch die ihre werden solle. Ausdrücken können sie das nicht, ohne nicht sogleich mit Ablehnung übergossen zu werden. Nur ein Akteur ist zur Stelle, der den Schockierten und Besorgten zuzuhören scheint, sie ernst zu nehmen, sie zu vertreten und die Gegenseite auf vergleichbare Weise zu piesacken: die AfD.

Miteinander reden, nicht gegeneinander oder übereinander

Enden kann dieser unproduktive Grabenkrieg nur, wenn erfolgreiche Kommunikation die gescheiterte ablöst. Dazu müssen beide Fronten einsehen, dass sich zwei Deutschlands über vierzig Jahre und zwei Teile eines Deutschlands über noch einmal dreißig unterschiedlich entwickelt haben, dass zwar die staatliche Einheit vollendet ist, aber keine Gleichheit der Gedanken und Erfahrungen, die es nie geben wird. Sie müssen sich austauschen über ihre verschiedenen Weltsichten und die verschiedenen Erlebnisse dahinter. Gelingt dies, können wir wichtige Fragen unter expliziter Berücksichtigung aller legitimen Perspektiven neu verhandeln und entscheiden. „Besorgter Bürger“ darf kein Schimpfwort sein, wenn die Sorge echt und aus Geschichte und Erleben nachvollziehbar ist und im Rahmen realistischer Gestaltungsspielräume neu zu verhandeln bedeutet nicht, Höckesche Phantasien oder überhaupt irgendeine radikale Forderung zu bedienen.

Kurz nach der Vereinigung ist das schon einmal gelungen, als ein Kompromiss zwischen den weit auseinanderklaffenden gesetzlichen Regelungen des Schwangerschaftsabbruchs gefunden werden musste und wurde. Vielleicht war das damals trotz der Schwere des Themas einfacher, weil die in dieser Frage liberale Tradition der DDR Seite an Seite mit kampferprobten progressiven Kräften im Westen stand. Doch auch in anderen Fragen verlaufen die eigentlichen Konfliktlinien nicht streng zwischen Ost und West, die Positionen wirken nur verschieden auf Menschen verschiedener Herkunft.

Bekommen wir das hin oder wollen wir einander die Köpfe einschlagen bis wir reif sind für eine neue Diktatur?

05 Nov 11:11

Mythos personalisierte Werbung

by Sven Türpe

“There is a rational explanation for everything.
There is also an irrational one.”
Schwa World Operations Manual

Eines der Gebiete, die Laien zur Algorithmenschelte einladen, ist die automatisierte Werbung. Wenn wir – ohne Adblocker – Websites besuchen, wählen geheimnisvolle Algorithmen aus, welche Werbung wir zu sehen bekommen, gespeist von Daten aus Trackern, die uns im Internet auf Klick und Reload verfolgen. Wahre Wunderdinge erzählt man sich von diesen Algorithmen: Sie kennten uns besser als wir selbst, wüssten um unsere Interessen und könnten unsere Kaufentscheidungen mit personalisierter Werbung manipulieren. Die Realität ist oft viel banaler. So geisterte vor Jahren eine Geschichte durchs Netz und die Medien vom Supermarkt mit dem passenden Namen Target, der einer Kundin mutmaßlich aufgrund der Daten aus einem Rabattprogramm à la Payback Werbung für Babysachen nach Hause schickte, bevor sie selbst wusste, dass sie tatsächlich schwanger war. Solche Ereignisse wiederholen sich bis heute, doch wenn die Algorithmen falsch liegen, entpuppt sich das ganze Wunder zum Beispiel als naheliegender Schluss aus den weiterverkauften Daten eines Zyklustrackers nach versäumter Dateneingabe. Auch im ersten Fall dürfte die Erklärung harmlos sein, handelt es sich doch um einen Einzelfall und wir wissen nicht, bei wie vielen Empfängerinnen Target falsch lag.

Das Modell vom algorithmisch durchleuchteten und manipulierten Konsumenten führt vielfach in die Irre. Es unterstellt „den Algorithmen“ Fähigkeiten, die sie so nicht haben, erklärt unerwartetes Verhalten fälschlich als Irrtümer einer Intelligenz und verengt die Vorstellung von Werbung auf personalisierten Druckverkauf von Consumer-Produkten. Aus dieser Perspektive erscheinen Beobachtungen grotesk, wie sie der Journalist Hendrik Wieduwilt machte und belustigt teilte:

Belustigter Tweet über Twitter-Werbung für militärische Transporthubschrauber
Psst, brauchst du Transporthubschrauber? Gute Stoff, NATO nimmt auch!

Was auf den ersten Blick und mit dem Modell der persönlich zugeschnittenen Werbung im Hinterkopf wie eine erheiternde Fehlfunktion wirkt, lässt sich in Wirklichkeit leicht erklären. Die Kaufentscheidung, um die es geht, fällt im Verteidigungsministerium. Seit Anfang des Jahres läuft das Beschaffungsverfahren für einen neuen Transporthubschrauber für die Bundeswehr. Einer der beiden Bieter* ist Boeing mit dem gezeigten Modell Chinook.

Ein wie auch immer gearteter direkter Einfluss dieser Werbung auf die Beschaffungsentscheidung der Bundeswehr ist nicht zu erwarten. Man investiert nicht mehrere Jahre in die Vorbereitung und Abwicklung eines Beschaffungsverfahrens, nur um am Ende die Ministerin nach Bauchgefühl und der am häufigsten gesehenen Anzeige entscheiden zu lassen. Dennoch ergibt die Werbung Sinn, wenn man sie Teil einer Imagekampagne betrachtet, mit der die öffentliche Meinung zugunsten des eigenen Angebots gepflegt werden soll. Welche Wirkung man davon am Ende erwarten kann, sei dahingestellt; schaden wird es nicht, der Öffentlichkeit bekannt zu sein.

Besonders gut zielen muss man mit einer solchen Kampagne nicht, sie soll ja viele erreichen. Eine Portion Targeting wird dennoch im Spiel sein und das versteht man am besten, wenn man es als Ausschluss offensichtlich unsinniger Versuche auffasst.

Henry Ford wird das in verschiedenen Fassungen kursierende Zitat zugeschrieben: „Ich weiß, die Hälfte meiner Werbung ist hinausgeschmissenes Geld, ich weiß nur nicht welche Hälfte.“ Die Chance, mit Werbung bei einem zufällig ausgewählten Individuum eine Wirkung zu erzielen, ist gering, meist viel geringer als fünfzig Prozent. Es gibt kein Geheimwissen, mit dem sich dies grundlegend ändern ließe. Denkt nur daran, wie viel Werbung Ihr Tag für Tag ignoriert, für wie viele Produkte Ihr Werbung erhaltet, die Ihr nie kaufen würdet.

Dennoch lassen sich die Erfolgsquoten einer Kampagne pro Kontakt und damit das Kosten-Nutzen-Verhältnis optimieren, indem man offensichtlich chancenlose Versuche gleich ganz bleiben lässt und die dafür sonst aufzuwendenden Kosten einspart. Im vorliegenden Fall zielt die Kampagne auf Deutschland. Man kann also schon mal auf alle Versuche verzichten, bei denen die Empfänger keinen Bezug zu Deutschland haben. Das ließe sich noch näherungsweise durch die Auswahl der Medien und sonstigen Werbeumfelder erreichen, wie man es früher getan hat und in Printmedien noch tut. Im Internet mit seinen zentralen Werbeplattformen ist man jedoch weniger eingeschränkt und so ließe sich diese Zielgruppenbeschränkung auch dann noch umsetzen, wenn jemand Slashdot oder El País oder eben Twitter besucht.

Je nach Ausrichtung der Kampagne könnte eine weitere Einschränkung sinnvoll sein, nämlich auf relevante Entscheider und Multiplikatoren, also ungefähr höhere Militärs und Verteidigungsbeamte sowie Journalisten und einflussreiche Blogger. Ob das hier der Fall ist, weiß ich nicht. Vielleicht bekommt auch jeder zurzeit Hubschrauberwerbung, ob Journalistin, Militär, Klempnerin oder Katzenbildblogger. Wer wahrscheinlich journalistisch tätig ist, kann Twitter wissen; ob es sich ohne weitere Verknüpfung aus Tracking-Daten herauslesen ließe, weiß ich nicht. Um hingegen jemanden halbwegs verlässlich als, sagen wir, Staatssekretär im BMVg einordnen zu können, wird man ihn de facto persönlich identifizieren oder sich auf seine Angaben verlassen müssen.

So fein müssen Zielgruppen freilich gar nicht immer abgegrenzt werden, auch wenn man zuweilen von Microtargeting liest. Brauchbare Einschränkungen beim Zielen auf Entscheidungsträger könnten Kriterien sein wie: „hat studiert und ist schon etwas älter“, oder „verfügt mutmaßlich über ein monatliches Einkommen von mehr als x-tausend Euro“. Wichtig ist nur, dass man halbwegs verlässlich möglichst große Zahlen derjenigen ausschließt, die man nicht erreichen möchte.

Das heißt nicht, dass die Werbewirtschaft nicht alle Daten sammeln würde, die sie kriegen kann, oder dass sie Hemmungen hätte, über jeden einzelnen von uns ein persönliches Dossier anzulegen. Doch die mächtigen  und geheimnisvollen Algorithmen, die uns durch unsere DSL-Anschlüsse gleichsam direkt ins Gehirn schauen und unser Verhalten vorhersagen könnten, diese Algorithmen gibt es nicht.


*) Als einziger Konkurrent tritt der ebenfalls amerikanische Hersteller Sikorsky an und die Ausschreibung war wohl so formuliert, dass auch niemand sonst überhaupt die Bedingungen erfüllen konnte. Angesichts dessen frage ich mich, warum wir bei der Bundeswehr nicht so einen Souveränitätszirkus veranstalten wie für die Cloud, obwohl wir doch auf diesem Gebiet mit Airbus sogar über einen eigenen Kandidaten verfügen.

23 Oct 09:11

Digitaler Amtsschimmel

by Sven Türpe

In Deutschland zählt der Beamte traditionell mehr als die Bürgerin, die ihm gegenübersitzt. Einige deutsche Staaten nutzten das mehr aus als andere und gegenwärtig haben wir es vergleichsweise gut, doch ganz gelegt hat sich diese Haltung nie und auch das Internet bleibt davon nicht verschont. Als die Öffentlichkeit in den 1990er Jahren das Internet entdeckte, beschäftigten wir uns erst einmal langwierig mit der Frage, wie rechtsgültige digitale Unterschriften auszusehen hätten. Sie seien Voraussetzung für einen sicheren E-Commerce, hieß es damals. Währenddessen legten andere die Grundsteine für Imperien wie Amazon und Google, neben denen sich unsere Digitalwirtschaft heute klein und hässlich ausnimmt.

Ein Vierteljahrhundert später lässt sich der Misserfolg unserer Strategie kaum leugnen. Einstige Leuchttürme der E-Bürokratie wie die Gesundheitstelematik, der  Personalausweis fürs Internet oder der elektrische Postkutscher DE-Mail mit seinem staubigen Logo stehen als Investitionsruinen im Cyber- und Informationsraum. Doch wir wären nicht die Deutschen, verteidigten wir unsere Bürokratie nicht gegen jede Vernunft verbissen bis in den Untergang.

So kommt das E-Government auch deshalb nicht voran, weil es sich zuerst an den Bedürfnissen der Verwaltung statt an jenen der Bürgerinnen und Bürger orientiert. Nicht Usability und einfacher Zugang für alle stehen im Vordergrund, sondern eGovernment-Dienste sollen in erster Linie der Totgeburt Personalausweis endlich Leben einhauchen. Noch im Jahr 2019 stellt eine sogenannte Digitalstadt – diesen Titel verlieh der Branchenverband Bitkom – stolz ein Serviceterminal vor, das Bürger mit ihrem Personalausweis nutzen können, nachdem sie sich ins Bürger- und Ordnungsamt verfügt haben. Selbst in echten Online-Diensten wie der endlich langsam ins Rollen kommenden Neuwagenzulassung übers Internet macht man den Personalausweis weiter zur Sollbruchstelle.

Bliebe die Vorstellung, Bürgerinnen und Bürger hätten der Bürokratie zu dienen, in den Amtsstuben eingeschlossen, könnte man darüber hinweglächeln. Doch Rechtsvorschriften tragen sie in die Wirtschaft und in unseren Alltag. Hochbezahlte Spezialisten überlegen sich zu Beispiel, wie eine rechtskonforme Kundenlegitimation zur Eröffnung eines Bankkontos oder bei einem Kreditantrag aussehen könne, und die Beschreibung ihrer Lösung liest sich wie eine der Jagd nach dem Passierschein A38. Stolz verweist man darauf, eine Gesetzesänderung habe alles vereinfacht: Immerhin benötige man jetzt keine qualifizierte elektronische Signatur in der Tradition des Signaturgesetzes von 1997 mehr, welche sich in der Breite ebensowenig durchsetzen konnte wie später die eID-Funktion des Personalausweises.

Nutzerorientierte Pragmatiker dächten sich an dieser Stelle vielleicht ungefähr folgendes Verfahren aus: Verlässlich identifiziert werden Bankkunden mit Hilfe Ihres Smartphones und mit Unterstützung ihres Mobilfunkanbieters, der ohnehin Kundenidentitäten vorratsdatenspeichern muss. Alternativ oder zusätzlich kommen bestehende Bankkonten sowie Schufa-Daten als Identitätsquelle in Frage, wie sie zum Beispiel Sofort Ident verwendet. Die Verrenkungen zur Produktion einer digitalen Signatur mit dem Ausweis aber ohne dessen Signaturfunktion könnte man durch ein nutzerfreundliches Protokoll ersetzen. Zum Beispiel könnte die Bank ihren Neukunden die Vertragsunterlagen mit einem integrierten Transaktionscode in Form einer TAN oder eines QR-Codes zuschicken und die Kundinnen und Kunden den Inhalt mit diesem Code bestätigen.

Dem stehen jedoch unnötig rigide Vorschriften im Wege, geprägt von einer langen Tradition der Papiere und Aktendeckel statt von Apps, APIs und Websites, verfasst von alten Männer mit Kugelschreibern statt von jungen Menschen, die etwas vom Internet verstehen. Bis sich daran etwas ändert, werden wir weiter darüber sinnieren, warum die Digitalisierung unaufhaltsam voranschreitet und uns dabei immer wieder abgeschlagen zurücklässt. Vielen scheint das ganz recht zu sein.

Die alten Männer mit Kugelschreibern wissen übrigens viel besser, was sie da tun, als es vielleicht den Anschein hat. Sobald nämlich dem Staat Geld winkt, sind die eben noch so wichtigen Anforderungen auf der Stelle vergessen: Unsere Steuererklärung abgeben und Lotto spielen dürfen wir ohne Ausweis und Unterschrift.

21 Oct 18:31

IT Security made in Germany

by Sven Türpe

Das Berliner Kammergericht hat sich Emotet eingefangen, den „König der Schadsoftware” (BSI), und arbeitet seither im Notbetrieb. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen, und so melden sich auch aus diesem Anlass jene „Experten“ zu Wort, denen nichts besseres einfällt als den Opfern die Schuld in die Schuhe zu schieben und sie zu verhöhnen:

„Auch generell sollte man sich fragen, ob man eine E-Mail mit einem Anhang von dem angezeigten Absender erwartet – denn die Kennung könnte gefälscht sein. Im Zweifel sollte man den Absender anrufen und ihn fragen, ob die E-Mail wirklich von ihm kommt. Anhänge mit den Dateiendungen ‚.exe‘ oder ‚.zip‘ sollte man generell nicht öffnen, denn sie können noch viel leichter Viren und Trojaner enthalten.“

(Bastian Benrath @ FAZ.net:
Wie ein Trojaner das höchste Gericht Berlins lahmlegte)

Das ist eine Bankrotterklärung. In Wirklichkeit muss ein Computersystem, mit dem man E-Mail liest, in der Lage sein, mit den empfangenen Nachrichten umzugehen. Und zwar selbständig und ohne Nachhilfe seiner Nutzer, zumal wenn es sich dabei nicht um IT-Experten handelt, sondern um Richter und Justizangestellte.

So etwas ist kein Hexenwerk. Schon wer den Schritt in die Cloud geht und seine E-Mail konsequent zum Beispiel mit den Anwendungen von Google (GMail + Office Suite + Drive) bearbeitet, dürfte um Größenordnungen sicherer sein als Old-School-PC-Benutzer, die jeden Anhang herunterladen und lokal öffnen.

Doch die Cloud, zumal die ausländische aus Amerika, wo die Datenkraken hausen und nichts auf die deutsche Hochkultur von Datenschutz bis Algorithmenethik geben, die Cloud gilt als haram und ist zu meiden. Ehe man sich mit dem Teufel einlässt, opfert man lieber ein Kammergericht und hofft, so den Zorn der Götter zu besänftigen. Unsere Gesellschaft ist in der IT-Sicherheit so rückständig wie in allem anderen, was mit Informationstechnik zu tun hat.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Das heißt nicht, dass man nur alle Daten zu Google tragen müsse und alles werde gut. Doch wir nehmen anscheinend nicht einmal mehr zur Kenntnis, dass sich die Welt in den letzten Jahrzehnten weitergedreht hat, manches Problem lösbar geworden ist und sich die wohlmeinenden Hinweise von einst – Sei vorsichtig im Internet! – als wenig hilfreich erwiesen haben.

Die Politik hat bereits einen Plan, wie wir die Weltspitze einholen wollen, ohne sie zu überholen: indem wir sie zerschlagen, ach was, zerschmettern! wie es einst die Armee unserer Großväter mit ihren Gegnern zu tun pflegte, bevor sie Schal und Mütze für kalte Tage zu Hause vergaß und ihrerseits zerschmettert wurde. Freilich nicht mit einem Heer, dessen Ausrüstung die Bedingungen des Versailler Vertrags besser denn je erfüllt, sondern mit neuen Schwertern des Wettbewerbsrechts, die im GWB-Digitalisierungsgesetz gerade geschmiedet werden.

Wäre doch gelacht, wenn wir uns nicht ein drittes Mal eine blutige Nase holen könnten. Wer weiß, vielleicht endet es diesmal damit, dass die Chinesen vorbeikommen und Harmonie exportieren.

20 Oct 08:56

Trendsport Algorithmenschelte

by Sven Türpe

Warf man Internetkonzernen wie Google und Facebook einst vor allem vor, Datenkraken zu sein, hat heute de Algorithmenschelte den Spitzenplatz unter den Memen der Technikkritik übernommen. Die künstliche Intelligenz stehe kurz vor der Übernahme der Weltherrschaft, raunt es durch die Medien, und niemand verstehe so recht, was sich diese immer mächtiger werdenden Algorithmen dächten. Man müsse ihnen Zügel in Gestalt von Algorithmenethik und Not-Aus-Knöpfen anlegen, damit sie sich richtig entschieden, wenn sie etwa bei der Steuerung eines fahrerlosen Autos zwischen verschiedenen Unfallopfern zu wählen hätten.

Nun ist es gewiss nicht falsch, sich kritisch mit neuer Technik und ihren Anwendungen auseinanderzusetzen. Doch mittlerweile bekommt man manchmal den Eindruck, es sei legitim und notwendig, sich vor Algorithmen und künstlicher Intelligenz zu fürchten wie frühere Generationen vor dem Atomtod. Doch die gegenwärtigen Diskussionen sind geprägt von Missverständnissen, grandiosen Überschätzungen, Motiven aus der Science Fiction sowie modernen Legenden, die sich dank oberflächlicher Plausibilität durch ungeprüftes Nacherzählen verbreiten.

Eine dieser Legenden besagt, der Empfehlungsalgorithmus von YouTube fördere systematisch Schund und Schmutz und ziehe seine Nutzerinnen und Nutzer schnell und tief in extreme Filterblasen. Ich kann diese Erzählung aus eigener Erfahrung nicht nachvollziehen, denn meine persönlichen Empfehlungen sind an Harmlosigkeit kaum zu überbieten.

Ich habe freilich auch nicht die Methode angewandt, mit der die Empfehlungskritiker Belege für ihre These konstruieren: Getreu dem Axiom, dass stets nur die anderen als verstrahlte Manipulationsopfer in Frage kommen, während man selbst erleuchtet sei und alles durchschaue, betrachtet man einen hypothetischen Neunutzer ohne Vergangenheit, der YouTube zum ersten Mal nutzt und sogleich dessen Empfehlungen folgt. Das ist zwar offenkundiger Blödsinn, denn in dieser Situation kann auch das intelligenteste Empfehlungssystem nur raten, doch es liefert die gewünschte Geschichte. Mit Analysen, wie die Beobachtungen zustande kommen, hält man sich dabei nicht auf.

In diese Kerbe haut nun auch die Mozilla-Stiftung mit ihrer Kampagne YouTube Regrets, in der sie Geschichten verstörter Zuschauerinnen und Zuschauer erzählt und Google als Betreiber der Plattform angreift. Die Motivation bleibt unklar, doch konkurrieren Mozilla mit Firefox und Google mit Chrome erbittert um Anteile am Browsermarkt.

Im Zentrum der Kampagne stehen die Statements 28 anonymer YouTube-Zuschauer, die sich mehr oder minder entsetzt zeigen ob der Videos, die ihnen die Plattform empfahl. So empört sich Zeuge Nr. 3, Pferdesportfan, darüber, dass YouTube ihr oder ihm immer wieder Videos kopulierender Pferde anbiete, obgleich man an Pornographie gänzlich desinteressiert sei. Nr. 13 schaute sich Anita Sarkeesians „Tropes vs Women in Video Games“ an und sah sich daraufhin mit Videos des Gamergate-Mobs konfrontiert. Nr. 22 berichtet, nach dem Genuss von Gaming-Videos unvermittelt auf Bongs gestoßen zu sein und vermutet, der Algorithmus habe einen Witz aus einem der Videos aufgegriffen. In einigen Statements wird sogar von Kindern berichtet, die offenbar unbeaufsichtigt vor dem Google-Apparat saßen und die das Programm darin verstört habe.

So weit, so spießig. Als Beitrag zur Erhellung war Mozillas Kampagne vermutlich nicht gedacht, doch illustrieren die verwendeten Statements Missverständnisse und Denkfehler, die populistischer Algorithmenschelte wie dieser zugrunde liegen. Das größte Missverständnis: Es handle sich um komplizierte, geheimnisvolle Algorithmen, die anhand einer Unmenge von Daten unser Innerstes durchleuchteten, um unsere Interessen zu verstehen, und persönliche Empfehlungen für jede Einzelne von uns berechneten.

Tatsächlich verstehen wir Empfehlungssysteme gut. Sie berechnen abstrakte Kategorien – meist andere als ein Mensch bilden würde – in die sie sowohl Nutzer als auch Inhalte einordnen und geben die danach am besten passenden Kombinationen aus. Ihr Weltwissen beziehen sie dabei aus dem beobachteten und statistisch aggregierten Verhalten der Nutzerschar. Schauen sich also viele als Pferdeliebhaber eingestufte Nutzerinnen und Nutzer Filme von kopulierenden Pferden an, wird das Empfehlungssystem diese statistische Assoziation reproduzieren. Von Pferden oder von Kopulation versteht der Algorithmus dabei nicht das Geringste.

Überhaupt dürfte das Empfehlungssystem wenig oder gar keine Informationen über den Inhalt eines Videos berücksichtigen, denn solche sind trotz aller Fortschritte immer noch schwer zu ermitteln, zumal im YouTube-Maßstab, wo in jeder einzelnen Sekunde Videomaterial mit einer Gesamtlaufzeit von mehreren Stunden hochgeladen wird. Stattdessen wird das Empfehlungssystem vor allem oder ausschließlich mit Metadaten arbeiten: Titel und Beschreibungen, Kanäle, Likes und so weiter.

Von unserem Innersten, unseren Interessen versteht das Empfehlungssystem noch weniger als vom Inhalt der Videos, denn es sieht von uns nur das, was wir auf YouTube tun. Auf dieser Grundlage lassen sich keine wirklich persönlichen Empfehlungen geben, wie man sie vielleicht von engen Verwandten oder langjährigen Freunden erhielte. Vielmehr rät YouTube, was uns gefallen könnte, weil es andere mit ähnlichen Sehgewohnheiten angeschaut haben, statt aus seinem riesigen Angebot eine noch willkürlichere Zufallsauswahl zu präsentieren. Die einzige gerechtfertigte Erwartung an ein solches System ist die, dass es nach häufiger Nutzung Empfehlungen präsentiere, die im Mittel etwas weniger unpassend seien eine willkürliche Auswahl. Ganz unschuldig ist die Internetwirtschaft an Überschätzung ihrer Möglichkeiten allerdings nicht, nimmt sie doch den Mund gerne voll und preist den Output recht banaler Software selbst als personalisiert an.

Dem Missverständnis folgt ein Denkfehler, wenn man Algorithmen wie einem Empfehlungssystem Schutz vor Schund und Schmutz oder gar Moral abverlangt. Zum einen können sie dies bei weitem nicht leisten, denn sie betreiben letztlich nur automatisiert eine clevere Statistik, während sich an Fragen von Moral und Ethik Generationen von Philosophen und Theologen die Zähne ausgebissen haben, ohne endgültige Antworten geben zu können. Doch selbst wenn man auf Beschränkungen der Technik keine Rücksicht zu nehmen hätte, vielleicht gar Menschen an ihre Stelle setzte, blieben solche Entwurfsziele problematisch.

Wessen Moral soll „der Algorithmus“ durchsetzen? Ist es richtig, ist es notwendig, Menschen vor dem Anblick kopulierender Pferde zu schützen oder stellt vielleicht die Vermittlung biologischer Allgemeinbildung über die Fortpflanzung der Säugetiere ein höherrangiges Ziel dar? Sollen Empfehlungen Filterblasen verstärken, abschwächen oder ignorieren und gilt die Antwort gleichermaßen für feministische Filterblasen wie für jene des Gamergate-Mobs? Und was sollen wir aus der Tatsache schließen, dass mehrere Statements der Mozilla-Kampagne explizit sagen, man selbst habe den Schmutz natürlich als solchen erkannt, aber andere müssten doch sicher davor geschützt werden?

Das Internet ist ein Spiegel der Gesellschaft. Empfehlungssysteme geben ein Echo, teils auf das Sehverhalten einzelner Nutzerinnen und teils auf kollektives Verhalten. Wie sich diese Faktoren im Einzelnen mischen und ein bestimmtes Ergebnis hervorbringen, mag manchmal so schwer zu durchschauen sein wie die Akustik eines Konzertsaals für jemanden, der schon im Physikunterricht nicht aufgepasst hat. Dies ist jedoch kein Grund, Algorithmen zu verteufeln oder Unmögliches von ihnen zu verlangen. Es handelt sich nur um banale Computerprogramme.

Das heißt nicht, dass es nichts zu diskutieren gäbe. YouTube und andere Plattformen haben die Medienlandschaft verändert und damit auch die Art und Weise, wie gesellschaftliche Diskurse verlaufen. Doch wer die daraus resultierenden Fragen auf Algorithmenschelte verkürzt, setzt an der falschen Stelle an und verliert wichtige Aspekte aus dem Blick. Allen voran ist dies die Finanzierung durch Werbung, die nicht nur klassischen Medien Umsätze genommen hat – deswegen kämpften die Verlage so vehement für ein Leistungsschutzrecht, das ihnen Vor- und den neuen Konkurrenten Nachteile bescheren sollte –  sondern auch die ökonomischen Anreize bestimmt, aus denen die Entwicklungs- und Optimierungsziele der Betreiber und damit Gestaltungsentscheidungen resultieren. Dass wirtschaftliche Abhängigkeit von der Werbung in der Programmgestaltung für eine Gratwanderung zwischen Krawall zur Publikumsbindung und Seichte zur Befriedigung der Werbekundenwünsche führt, kennen wir schon aus dem Privatfernsehen.

Algorithmen sind demgegenüber nur der verlängerte Arm des Unternehmens, das sie einsetzt. Sie bestimmen nicht die Richtung, sondern sie wirken als ausführendes Organ. Ihre Funktion folgt notwendig den Zielen und Prioritäten derer, die sie einsetzen. Wer sich an Algorithmen abarbeitet statt an Unternehmen und ihre Geschäftsmodellen, müsste folgerichtig angesichts des Volkswagen-Skandals, Verzeihung, der Dieselproblematik auch eine Motorenethik fordern. Doch darüber würden wir zu Recht lachen.

PS: Eine gute Vorstellung davon, wie Empfehlungssysteme funktionieren, vermittelt dieser Artikel: How The New York Times is Experimenting with Recommendation Algorithms.
(2019-10-24)

PPS: Eine neue Studie beschäftigt sich mit der Frage, ob man eine eventuelle Radikalisierung auf YouTube überhaupt „den Algorithmen“ zuschreiben kann.
(2019-10-25)

17 Oct 12:00

Unterschätzte Risiken: Gütesiegel

by Sven Türpe
eOrbit

Eigenwerbung – aus meinem Blog

Immer wieder wird der Ruf nach mehr Gütesiegeln und Zertifizierung für mehr IT-Sicherheit laut. Nachdem beispielsweise Anfang des Jahres ein Jugendlicher beim Doxxing mehr oder minder bekannter Personen erwischt wurde, fand sich in der unvermeidlich folgenden Wunschliste des Innenministeriums nach neuen Gesetzen und Befugnissen auch die Forderung nach Gütesiegeln für IT-Sicherheit. Reaktion auf den Anlass war dabei wie üblich nur die Erstellung des Wunschzettels; die Idee und Forderung als solche hatte man zuvor bereits in der Schublade liegen.

Für die Wirtschaft sind Gütesiegel attraktiv, weil sie Prüfern Aufträge bringen und Herstellern selten wehtun, vor allem den größeren nicht. Kleine und junge Unternehmen tun sich zuweilen schwer mit der Zertifizierungsbürokratie, große und alte haben dafür ihre Spezialisten oder heuern Berater an. Doch einen Nutzen sollte man von Gütesiegeln nicht erwarten.

Dies hat zum einen inhaltliche Gründe: Es gibt keine kleine, universelle und vollständige Checkliste für IT-Sicherheit, die man in einer Prüfung abhaken könnte. Jedes Gütesiegel braucht einen Kriterienkatalog, damit seine Aussage spezifisch wird. Darauf werden insbesondere die Prüfer bestehen, denn je konkreter ihre Prüfaufgabe beschrieben ist, desto geringer wird das Risiko, dass ihnen später jemand Versäumnisse vorwirft. Doch Sicherheitsanforderungen sind notorisch schwer zu fassen. Der Versuch, sie in Kataloge zu packen, endet entweder mit oberflächlich-unvollständigen Prüfungen wie im Fall des Safer-Shopping-Siegels, oder er bringt Konvolute vom Umfang des Grundschutz-Kompendiums hervor, die noch das unbedeutendste Detail bis hin zur möglichen Verschmutzung eines häuslichen Arbeitsplatzes erfassen.

Die Aussagekraft jedes Gütesiegels bleibt deshalb beschränkt. Obendrein kann ein Zwang zur Zertifizierung spezifischer Maßnahmen sinnvolle Entwicklungen bremsen oder die Implementierung beziehungsweise Beibehaltung veralteter und unnötiger Funktionen erfordern. Ein aktuelles Beispiel liefert die EU-Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 mit ihrer Forderung nach „starker Kundenauthentifizierung“. Sie führte beispielsweise dazu, dass Sparkassenkunden bei Kreditkartenzahlungen im Netz eine Runde durch die schwerfällige App S-ID-Check drehen müssen – und dabei noch nicht einmal die konkrete Zahlung autoriesiert, sondern tatsächlich nur eine komplett nutzlose Zwei-Faktor-Authentifektion zelebriert wird.

Das andere große Problem der Zertifizierung liegt in kontraproduktiven ökonomischen Anreizen, die sich aus den typischen Akteurskonstellationen ergeben. Oft werden Prüfer von den Herstellern oder Betreibern beauftragt und bezahlt, die ein Gütesiegel erwerben möchten. Dies gibt den Prüfer einen Anreiz, die Interessen ihres Auftraggebers zu berücksichtigen, denn wo die Auswahl zwischen mehreren Prüfern besteht, zahlt es sich nicht aus, unter ihnen der strengste zu sein. Wohin solche Fehlanreize in letzter Konsequenz führen, zeigt der Dammbruch von Brumadinho in Brasilien in Januar 2019. Dieser Damm war erst wenige Monate vor seinem Bruch mit 250 Todesopfern trotz bekannter Mängel für sicher erklärt worden. In der Folge diskutiert man jetzt, inwieweit ein vom Betreiber des Damms direkt beauftragter Prüfer objektiv urteilen kann und erwägt, künftig die Aufsichtsbehörden zum Auftraggeber zu machen.

Von Gütesiegeln für IT-Sicherheit dürfen wir daher wenig erwarten. Bestenfalls schaffen sie sie ein paar Arbeitsplätze für Sicherheitsbürokraten, alles darüber hinaus wäre eine Überraschung.


PS: Der Vortrag FreeBSD and the absurdities of security compliance von Eirik Øverby auf der EuroBSDcon gibt Einblicke in die praktischen Schwierigkeiten der Sicherheitszertifizierung. (2019-10-29)

PPS: Der Deutschlandfunk bringt noch einen längeren Beitrag zum Prüfwesen: Der ramponierte Ruf des TÜV-Siegels. (2019-10-30)

19 Sep 12:55

Überwachungsfolklore

by Sven Türpe

Zu den Grundüberzeugungen deutscher Datenschützer gehört die Annahme, jede Beobachtung – insbesondere, aber nicht nur mittels Kameras – lenke auf magische Weise das Verhalten der Beobachteten und mache sie wie von selbst zu artigen Konformisten. Zuletzt argumentierte so das Oberverwaltungsgericht Münster, das der Polizei verbot, öffentliche Demonstrationen zum Zweck der Öffentlichkeitsarbeit zu fotografieren. Denkt man das Argument zu Ende, so bleibt nur noch ein kleiner Schritt bis zur Unterbindung jeglicher Berichterstattung über Demonstrationen, wie sie von autoritären Regimes praktiziert wird. Andernfalls müsste man sich den Vorwurf der Inkonsequenz gefallen lassen, denn wenn der fotografierende Polizist die Demonstranten einschüchtert, warum dann nicht auch der fotografierende Journalist neben ihm, dessen Fotos sich die Polizei im Netz anschauen kann?

Hinweisschild mit der Aufschrift: „Smile, You’re on camera…“ auf einem Bahnhof in England

Das jüngste Urteil aus Münster ist kein Einzelfall. Selbst der bloßen Anscheinsüberwachung mit Kameraattrappen, gegen entschlossene Täter so wirksam wie eine Vogelscheuche, sagt man die Erzeugung von „Überwachungsdruck“ nach. Empirisch überprüft oder auch nur ernsthaft in Frage gestellt hat man die These von der verhaltenslenkenden Wirkung der Überwachung nie. Gleich einem Mem wurde sie zur Wahrheit durch ständige Wiederholung, indem sie einer dem anderen nachplapperte. Dabei ist sie nicht einmal plausibel: Einer bloßen Beobachtung fehlt schon die zum Lenken nötige Richtung, denn wer nur passiv beobachtet wird, weiß gar nicht, wie er sich verhalten soll und wie nicht. Eine solche Richtung und damit eine lenkende Wirkung ergibt sich erst aus der Systematik von Interventionen. Nicht die bloße Beobachtung lenkt das Verhalten von Menschen, sondern die wahrscheinlichen Konsequenzen. Deutlich machte dies etwa das Ende der DDR vor dreißig Jahren. Damals füllten sich die Straßen schlagartig mit Demonstranten, als sich zeigte, dass das Regime am Ende war, seine Sicherheitskräfte nicht mehr wirksam gegen die eigene Bevölkerung einsetzen konnte und keine Hilfe aus Moskau zu erwarten hätte. Eine Nummer kleiner erleben wir dieselbe Tatsache tagtäglich im Straßenverkehr, wo vor aller Augen ungeniert Regeln gebrochen werden, solange niemand die Verstöße ahndet.

Zweifel am Mem von der verhaltenslenkenden, freiheitsgefährenden Wirkung der Videobeobachtung nährt eine aktuelle Statistik. Comparitech hat für 121 Städte aus aller Welt die Anzahl der Überwachungskameras pro 1.000 Einwohner erfasst und Statista aus den Top 12 eine Infografik erstellt:

Balkendiagramm: „The Most Surveilled Cities in the World”
Die am stärksten videoüberwachten Städte der Welt (Auszug aus einer Zählung von Comparitech).

Auf den ersten Blick scheint dieses Diagramm alle Vorurteile zu bestätigen, liegen doch acht der aufgeführten zwölf Städte im als Überwachungs- und Unterdrückungsstaat verschrienen China. Vor dessen Hauptstadt Peking, vor das wegen drakonischer Strafen bereits für kleine Vergehen berüchtigte Singapur und in der vollständigen Tabelle auch vor Städte wie Sankt Petersburg, Istanbul und Baghdad schiebt sich die britische Hauptstadt London auf Platz sechs.

Diese Platzierung überrascht zunächst nicht, gelten doch London und Großbritannien insgesamt als Hochburgen des Einsatzes von Closed-Circuit Television (CCTV). Jedoch stellen die Daten die herrschende Theorie in Frage, denn ihr zufolge wären die Menschen in Peking, Singapur, Sankt Petersburg, Istanbul und Baghdad freier als in London. Gemäß der herrschenden Theorie des Datenschutzes wären die Londoner auf der Straße vor allem damit beschäftigt, sich zum Wohlgefallen Ihrer Majestät zu betragen. Wer die Stadt einmal besucht hat, weiß, dass dies nicht der Fall ist. Tatsächlich zeigen die Daten von Comparitech nicht einmal eine Wirkung in der Hauptsache – es gibt keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen der Kameradichte einer Stadt und der dort herrschenden Kriminalität, die meist den Überwachungsanlass bildet.

Dass Videoüberwachung nicht per se Verbrechen verhindere, erkennen Datenschutzaktivisten auf der Stelle an und führen es sogar selbst als Argument dagegen ins Feld. Sie sollten stutzig werden, wenn sie direkt daneben allerlei Nebenwirkungen behaupten, die noch weniger belegt sind als die bestrittene Hauptwirkung. Wenn die Verwendung von Kameras noch nicht einmal das Sicherheitsgefühl beeinflusst, wird sie kaum Demonstranten beeindrucken. Tatsächlich sind Kameras nur ein Werkzeug, das von einigen ideologisch aufgeladen wird. Hoffen wir, dass diese Einsicht eines Tages auch die Gerichte erreicht.

13 Aug 21:19

Your Pa$$word doesn't matter - Microsoft Tech Community - 731984

by Alex Weinert
Alex Weinert—Microsoft

Every week I have at least one conversation with a security decision maker
explaining why a lot of the hyperbole about passwords—“never use a
password that has ever been seen in a breach,'' “use really long
passwords'', “passphrases-will-save-us'', and so on—is inconsistent with
our research and with the reality our team sees as we defend against 100s of
millions of password-based attacks every day. Focusing on password rules,
rather than things that can really help—like multi-factor authentication
(MFA), or great threat detection—is just a distraction.

Because here's the thing: When it comes to composition and length, your
password (mostly) doesn't matter.

https://techcommunity.microsoft.com/t5/Azure-Active-Directory-Identity/Your-Pa-word-doesn-t-matter/ba-p/731984
19 Jul 08:27

Kommentar: Der Diskurs um Digitalisierung ist kaputt

IT-Experten sollten den Digitalisierungs-Diskurs nicht länger Laien überlassen und ihre Kompetenzen in der Politik einsetzen, fordert c't-Redakteur Jan Mahn.

06 Jul 08:49

Datenschutz, das zügellose Recht

by Winfried Veil
Wie die DSGVO unsere Freiheit und Selbstbestimmung bedroht – Blogserie zur Zügellosigkeit des Datenschutzrechts in 5 Teilen: Teil I: Die umgekehrten chilling effects Teil II: Der Datenpaternalismus Teil III: Die totale Drittwirkung Teil IV: Der datenschutzrechtliche Präventionsstaat Teil V: Die schrankenlose Behörde Das Datenschutzrecht ist ein überlastetes Recht. Es versucht, alle “Rechte und Freiheiten natürlicher […]
06 Jul 08:48

Datenschutz, das zügellose Recht – Teil I: Die umgekehrten chilling effects

by Winfried Veil
Wenn ein Rechtsregime einen derart totalen Regulierungsanspruch erhebt wie die DSGVO, dann wird es für die Freiheiten, die es zu schützen vorgibt, gefährlich. In Teil I dieser Blogserie werden zunächst die Abschreckungswirkung (= chilling effects) der DSGVO und ihre Ursachen näher untersucht. Ausgerechnet die Freiheiten, zu deren Gewährleistung das Datenschutzrecht einst “erfunden” wurde, werden nun […]
06 Jul 08:48

Datenschutz, das zügellose Recht – Teil II: Der Datenpaternalismus

by Winfried Veil
Die DSGVO erhebt den Anspruch, alle Rechte und Freiheiten natürlicher Personen zu schützen. Ein solch umfassender Regulierungsanspruch stimmt misstrauisch. In dieser Blogserie wird untersucht, inwieweit der Anspruch dieses Rechtsregimes nicht in sein Gegenteil umschlägt. In Teil I wurde gezeigt, dass die DSGVO den Bürger durch chilling effects bei der Inanspruchnahme seiner Grundrechte beeinträchtigt. Nachfolgend wird näher untersucht, ob […]
06 Jul 08:48

Datenschutz, das zügellose Recht – Teil III: Die totale Drittwirkung

by Winfried Veil
Unsere Verfassung verpflichtet den Staat dazu, zahlreiche sehr restriktive Anforderungen zu erfüllen, wenn er personenbezogene Daten seiner Bürger verarbeiten will. Diese Restriktionen bestehen zum Schutz der Grundrechte des Bürgers. In diesem Blogbeitrag wird  gezeigt, dass der datenverarbeitende Bürger aufgrund der DSGVO vergleichbare Anforderungen erfüllen muss wie der datenverarbeitende Staat. Die DSGVO verkehrt den Schutz des […]
06 Jul 08:48

Datenschutz, das zügellose Recht – Teil V: Die schrankenlose Behörde

by Winfried Veil
In Teil V der Blogserie wird dargelegt, was für eine seltsam privilegierte Sonderrolle den Datenschutzaufsichtsbehörden innerhalb der Staatsorganisation zugestanden wird. Datenschutzaufsichtsbehörden sind für die Überwachung der Anwendung der DSGVO zuständig. Es sind staatliche Behörden, die mit Zwangsgewalt ausgestattet sind und die dem Bürger im Über-Unter-Ordnungsverhältnis gegenübertreten. Als Folge der Weite des Begriffs der “Personenbezogenheit” von […]
06 Jul 08:48

Datenschutz, das zügellose Recht – Teil IV: Der Präventionsstaat

by Winfried Veil
In Teil IV der Blogserie wird dargelegt, wie die DSGVO den Präventionsstaat, den sie eigentlich verhindern soll, erschafft. I. Was ist ein Präventionsstaat? Der Präventionsstaat ist ein Topos aus der Debatte um das richtige Verhältnis von Freiheit und Sicherheit in Zeiten terroristischer Bedrohungen. Viele Kritiker der Sicherheitsgesetzgebung beklagen eine Entwicklung vom Rechtsstaat zum Präventionsstaat. Vgl. Huster/Rudolph […]
14 May 23:37

Im SUV gefangen

by noreply@blogger.com (Christine Lehmann)
Als ich 2006 vom Auto aufs Pedelec umstieg, war mir nicht klar, dass ich mich damit aus der motorwarmen Mehrheitskultur verabschiede.

Ohnehin bin ich in vielen Aspekten nicht mehrheitsfähig. War ich nie. Aber ich war wenigstens Autofahrerin, seitdem ich mir vor vierzig Jahren als junge Frau das erste Auto zulegte: einsteigen, wegfahren, nicht auf Stadtbahnen warten müssen, nach Mitternacht heimkommen könnnen. Es schien bequem. Es wirkt bis heute bequem, mit dem Auto durch Stuttgart zu fahren. Es gibt grüne Welle, viele Fahrspuren und überall Parkplätze. Manchmal halt auch Stau, aber das ist das Autofahrerinnenabenteuer, von dem man immer gut erzählen kann und dafür ein mitfühlendes Stöhnen erhält.

Als Frau, die Fahrrad fährt und sich nicht den SUV zugelgt hat, habe ich mich von dem Freiheitsbegriff verabschiedet, der sich so verbissen ans Auto koppelt, aber auch von dem Sicherheitsbedürfnis, das viele Frauen entwickeln.

Seit ich fast alle Wege mit dem Fahrrad zurücklege, habe ich aufgehört eingepanzert über den Straßenraum zu herrschen, den mein Auto und seine Geschwindigkeit um mich herum schafft, und zwar auf etwa sechzig bis hunderfünfzig Qadratmetern Straße. Ich zwinge keine Fußgänger/innen zu warten, bis ich herangerollt und vorbeigerollt bin, ich schicke kein Motorgedröhn und Auspuffgift die Fassaden empor, hinter denen Menschen wohnen. Ich stelle meine Freiheit, überall hin zu fahren, nicht über das Recht aller anderen, unbehelligt und gesund zu leben.

In Deutschland haben wir ein totalitär irrationales Verhältnis zum Auto.
Wir halten es für den Garanten unserer Freiheitm, doch dabei unterwerfen wir uns vollständig dem Auto: Das Auto ist stets präsent in unserem Denken, es steht als Zweites Wohnhimmer und Alter-Ego vor der Tür, innen ausgestattet mit persönlichen Dingen. Es ist wie ein quengelndes Kind, es will Beachtung, Pflege, Kraftstoff, Werkstattbesuche, Reifen. Wenn es am Straßenrand steht, ist es ständig in Gefahr, Kratzer zu bekommen oder Dellen oder einen Außenspiegel zu verlieren. Ein bisschen besorgt sind wir unterschwellig immer, ob es ihm gut geht, ob es alles hat, ob wir mit ihm einen guten Parkplatz finden oder ob illegal parken müssen, weil wir es ja immer irgendwo wieder loswerden müssen. Wenn es über Nacht falsch steht, verfolgt uns die Sorge und manchmal auch leichter Trotz bis in den Schlaf. Das Auto frisst einen gewissen Teil unserer Emotionen.

Ja, das Auto erlaubt es uns, jederzeit aus der Stadt hinauszu fahren. Ins Grüne. In die Freizeit. Wenn viele andere das auch tun und wir im Stau stehen, ärgern wir uns. Und wenn wir ankommen, suchen wir wieder einen Parkplatz und verlassen das Auto mit leichter Sorge, wie es ihm geht, wenn wir zurückkommen. Und auf der Wanderung queren wir Staßen und sehen wieder viele Autos. Wir hören fast immer Auto, wo auch immer wir sind, wir entkommen dem Auto nicht. Auch dann nicht, wenn wir gar keines haben.

Der SUV ist die paradoxe Potenzierung dieser Freiheit. Er ist ein Geländewagen, der in der Stadt sinnlos ist. Er ist zu breit, allemal in den engen Wohnstraßen und für manche Tiefgaragenparkplätze. Er bereitet uns Schwierigkeiten beim Manövrieren, wir sitzen zwar hoch, aber er schränkt unsen Rundumblick ein. So vermittelt er das Gefühl von hundertprozentiger Sicherheit, die dadurch entsteht, dass man sich komplett von der Außenwelt isoliert und sie mitheilfe eines Panzers auf Distanz hält. Zwischen mir und dem anderen Autofahrer ist großräumig Blech aufgebaut, selbst wenn ein andere einen Fahrfehler macht, bleibe ich unverletzt. Die Frau, die im SUV sitzt, ist niemals in Gefahr, dass ihr irgendwer zu nahe kommt. Die Kontrolle über die Distanz anderer zu mir, ist durchaus ein legitimes (auch durch schlechte Erfahrungen gelerntes) Grundbedürfnis von Frauen.

Ich verzichte auf diese Sicherheit. Ich isoliere mich nicht von der Welt, ich grenze mich nicht mehr aus, indem ich im Panzer die Stadt durchquere. Ich setze mich dem Leben aus. Ich lasse es an mich herankommen, auch wenn es manchmal verunsichernd ist. Ich höre die Tourette-Kranke schreien, ich sehe dem Obdachlosen in die Augen, der in der Tübinger Straße sitzt, auch im Winter nur mit Schlappen an den Füßen. Vor mir queren Fußgänger/innen die Straße, die mich nicht gehört haben, und ich fahre um sie herum. Der Respekt, Radfahrenden gegenüber ist sichtbar und spürbar geringer als der den Autos gegenüber, in denen Menschen sitzen, die man kaum sieht. Ich bin auf dem Fahrrad nur ein Mensch von vielen unter vielen, die sich arrangieren, mit einem Nicken, einem Handzeichen, einem Blickkontakt, einem Lächeln.

Ich habe mich damit sozialstatusmäßig downgegradet. Zugleich habe ich mich psychologisch und physisch upgegradet, denn aus Angst und Sicherheitsbedrüfnis habe ich Mut und Konfrontationsfähigkeit und aus Bequemlichkeit und Reglosigkeit habe ich Aktivität und Fitness gemacht. Ich fühle mich frei und lebendig, wenn ich durch die Stadt radle. Ich spüre, dass nicht das Auto mich beherrscht (quengelig, anspruchsvoll und monströs), sondern das Wetter, das Licht, der Wind, also das, was alles Leben auf diesem Planeten bestimmt, beeinflusst und dirigiert. Wenn es regnet, dann erlebe ich den Regen. Etwas, was eine SUV-Fahrerin kaum je erlebt, und wenn, dann nur unfreiwillig auf dem Weg zu Fuß vom Auto zum Laden oder zur Haustür, als etwas, vor dem man flüchtet. Der Autoverkehr wird für mich zu einer leicht fremden und befremdlichen Begleiterscheinung meiner Mobilität, ich muss mich mit ihm arrangieren, damit er mich nicht verletzt, er ist ein Element von vielen auf meinen Wegen mit dem Fahrrad. Einer, der übrigens auch Emotionen frisst: zum Beispiel Ärger über wüste Autofahrer, Falschparker, über die unglaublich raumfressende und aggressive Präsenz der Blechpanzer allüberall. Von diesem Ärger versuche ich mich zu befreien (geht aber nicht immer).

Die SUV-Fahrerin kann ich nicht erreichen, Reden hilft nichts. Es ist ihre Wahl.
Aber ihre Kinder tun mir leid. Und um der Kinder willen wünschte ich, wir könnten sie erreichen. Die Kinder einer SUV-Fahrerin lernen nicht mehr, was Regen ist oder Wind, und wie man damit umgeht. Sie lernen nicht, wie viel Nässe und Kälte man ganz persönlich aushalten kann, ohne sich zu erkälten, und ab wann es zu viel war. Sie lernen nicht, wie man sich anstrengt, wie viel Kraft in ihnen steckt und wo die eigene Kraft aufhört. Sie lernen die Stadt nicht kennen, sie sehen nichts.

Eingehaust in Straßenpanzer und elterliche Ängstlichkeit werden Kinder nicht nur vor der Außenwelt, sondern auch vor eigenen Erfahrungen geschützt, also von sich selbst isoliert. So wie die im SUV gefangenen Eltern sich selbst von Körpererfahrungen isoliert haben. Aus Angst, aus einem übergroßen Sicherheitsbedürfnis heraus, das das Leben tötet. Sie lassen ihre Kinder nicht mehr springen. Sie geben ihnen keine Freiheit. Und wenn, dann panzerns sie sie ein gegen Wind oder Sonne. Und gegen die kleinen schmerzhaften Folgen von Stürzen auf dem Kinderlaufrad oder dem Tretroller setzen sie ihnen Helme auf. So erfahren die Kinder nie, was es bedeutet, wenn man hinfällt. Wie man Schmerzen bewertet und überwindet und wie man auf sich selbst aufpasst. Schürfwunden, Beulen und verknackste Füße sind wichtig für die körperliche Entwicklung und die Fähigkeit, sich selbst vor Schmerzen zu schützen (ohne dafür Autos und Helme zu benutzen). Man weiß längst: Kinder brauchen das riskante Spielen, das an Grenzen gehen, das sich über Grenzen hinaustasten, hinfallen, aufstehen und beim nächsten Mal vorsichtiger zu sein und zugleich weiter zu gehen. Sie wollen was wagen, was erleben, draußen sein. Und sie brauchen es dringend, nicht nur für ihre eigene Gesundheit, für Koordination und die geistige Entwicklung, sondern auch für die Augen und die Fähigkeit, in die Weite zu gucken. Kinderaugen müssen jeden Tag mindestens zwei Stunden dem Licht des freien Himmels (auch mit Wolken) ausgesetzt sein, damit sie nicht kurzsichtig werden.







07 Apr 10:44

Sich vertragen ohne Vertrag

by Lydia

Durch Zufall hörte ich einen Vortrag über Arbeitsrecht. Ein Anwalt sprach über befristete Arbeitsverträge, verfallende Urlaubsansprüche, Teilzeit und wie man sie abwendet. Er vertrat vornehmlich die Arbeitgeberseite und das merkte man. Das Thema war nicht uninteressant. Aber je länger der Vortrag dauerte, desto unwohler fühlte ich mich. Ich spürte, wie ich immer mehr Energie verlor.

Im Nachhinein frage ich mich, was da los war. Diese Geschichten rund ums Arbeitsrecht haben mich irgendwie getroffen. Zum einen, weil ich selbst öfters damit zu tun hatte. Ich musste auch mal eine Anwältin beauftragen, um ohne Nachteile aus einem Arbeitsverhältnis herauszukommen. Andererseits habe ich auch schon mal jemanden entlassen – kenne also beide Seiten.

Wenn es ums Arbeitsrecht geht, kommt man gerade aus Arbeitgebersicht schnell in diese Haltung: Wie kriege ich es hin, jemandem möglichst wenig zu zahlen? Und ihn oder sie möglichst viel dafür arbeiten lassen? Wie werde ich Menschen los, wenn sie nicht tun, was ich will? Arbeitnehmer*innen als faule Abzocker*innen – das ist ein krasses Menschenbild. Sicher gibt es solche Leute. Dass man sich als Arbeitgeber nicht verarschen lassen will, ist klar. Ich verstehe auch, dass man zynisch wird, wenn man solche Fälle öfter erlebt hat. Zynismus ist wohl eine Gefahr in jedem Job, bei dem man Menschen und ihren Abgründen begegnet.

Kleinkrieg durch Verletzungen

Aber wenn man in einem Arbeitsrechtsstreit beide Seiten anhört, sind es oft tiefe Verletzungen, die dahinterstecken. Ich unterstelle mal, dass die meisten Menschen ihre Arbeit lieben und – gerade in Deutschland – sich ganz stark darüber definieren. Bis jemand an den Punkt kommt zu sagen „Ich nehme jetzt von diesem Arbeitgeber alles mit, was ich kriegen kann, und nach mir die Sintflut“, muss viel passieren. Nicht nur äußerlich, sondern vor allem innerlich.

Die größten Kämpfe laufen innerlich ab. Ich hab so viele innere Dialoge mit meinen Oberhäuptlingen und Kolleg*innen geführt, die es nicht nach außen geschafft haben. Weil es gar keine Sprache dafür gab, keine gemeinsame Ebene, kein Vertrauen – und keine Hoffnung, dass sich etwas ändert. Wirklich darüber zu reden, was im Unternehmen falsch läuft, hätte eines Seelenstriptease bedurft, zu denen viele (inklusive mir) nicht bereit waren. Weil die Bedingungen dafür nicht da waren. Wir hätten unsere Masken abnehmen müssen – und das geht nur, wenn man weiß, dass alle Waffen ruhen. (Sorry für den Militärsprech, hehe.) Und es lohnt sich nur, wenn man bereit zur Revolution ist.

Sicherlich haben es auch Arbeitgeber nicht leicht, sicher gibt es auch kaltschnäuzige Abzocker*innen unter den Arbeitnehmer*innen. Aber das dürften die wenigsten sein. Die meisten Menschen wollen in ihrem Arbeitsverhältnis ein Geben und Nehmen. Ihr Beitrag soll geschätzt und fair entlohnt werden – und damit meine ich nicht nur Geld. Wenn dieses Gleichgewicht in Schieflage gerät, kann es hässlich werden. Dann wird kompensiert, wo es nur geht. Und ist das Vertrauen erst mal zerstört, ist es unmöglich wiederherzustellen.

Paragraphen statt Diskussion

Beim Thema Arbeitsrecht fehlte mir genau das, worüber ich hier im Blog schreibe: die menschliche Seite. Menschen haben Regeln und Gesetze geschaffen, um Willkür zu verhindern und Gerechtigkeit herzustellen. Schon klar. Aber auch, um sich nicht persönlich miteinander auseinandersetzen zu müssen. Ich verstehe das ja, dieses Bedürfnis, nicht ewig über etwas diskutieren zu wollen. (Das ist einer der Gründe, warum ich mittlerweile so wenig gruppentauglich bin.) Es kann verlockend sein, einfach ein paar Paragraphen rauszuholen und sie jemandem um die Ohren zu hauen. Aber es ist eben ein Hauen.

Genau deshalb zeichnen sich die Unternehmen, die Augenhöhe praktizieren, durch eine hochentwickelte Diskussionskultur aus. Das ist mir auch bei meinem Besuch bei Wigwam extrem aufgefallen. Soll heißen, wenn man verhindern will, dass man in eine „Wir gegen die“-Energie kommt, muss man Kommunikation ermöglichen. Wir müssen herausfinden, was wir wirklich, wirklich meinen. Das ist manchmal verdammt schwer. Selbst mit Menschen, die ich schon lange und gut kenne, komme ich manchmal in Tiefen, wo wir merken, dass wir seit Ewigkeiten aneinander vorbeigeredet haben.

Miteinander reden

Ganz konkret: Wenn ein Arbeitnehmer Teilzeit beantragen will, lohnt es sich, statt ihm direkt ein rechtssicheres Formular hinzuknallen, erst mal darüber zu reden. Warum? Was steckt dahinter? Was ist der eigentliche Wunsch? Vielleicht ist es ganz banal – vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist die Führungskraft ein Arschloch, das man nur halbtags ertragen kann. Aha! Da geht es also um etwas ganz anderes, das sollte man sich mal genauer anschauen.

Ich weiß schon, dafür ist gerade in einer HORG keine Zeit. Vielleicht ist das auch wieder rechtlich problematisch, vielleicht hat der Arbeitgeber gar kein Recht, nach Gründen zu fragen. Vielleicht will der Arbeitnehmer seine Gründe für den Teilzeitantrag gar nicht offenbaren. Und da sind wir wieder beim Vertrauen. Wenn so wenig Vertrauen herrscht, wieso arbeitet man dann überhaupt miteinander? Warum umgibt man sich freiwillig mit Menschen, denen man nicht über den Weg traut? Das ist doch pervers. Und ungesund.

Der Anwalt sagte noch einen Satz, der bei mir reinknallte wie ein Sektkorken aufs Auge:

In einem Arbeitsverhältnis gibt es keine Freiwilligkeit.

Mit anderen Worten: Wer einen Arbeitsvertrag unterschreibt, macht sich zum Sklaven. Schon klar, ein paar wohltuende Unterschiede gibt es schon zwischen Lohnsklaven und echten Sklaven. Den Lohn zum Beispiel. Und den Vertrag. 😛 Aber im Ernst: Der Ökonom und Philosoph Philip Kovce schreibt:

Rechtshistorisch geht der Arbeitsvertrag weisungsgebundener Beschäftigter auf das Mietrecht für römische Sklaven zurück.

Vertrag aus Angst

Allein schon einen Vertrag eingehen zu müssen, hat etwas Perverses. Denn es bedeutet: Ich vertraue Dir nicht. Verträge basieren auf Angst. Als Freiberuflerin habe ich so gut wie keine Verträge. Die meisten Aufträge laufen per Handschlag oder es werden Absprachen per E-Mail getroffen.

Das funktioniert. Beide Seiten wissen, wir können uns jederzeit voneinander trennen. Wir arbeiten zusammen, weil wir es wollen. Sonst lassen wir es. Das bedeutet auch, dass mein Bauchgefühl einwandfrei funktionieren muss, um Schaden von mir abzuwenden. (Bei Menschen unter chronischem Stress funktioniert dieser innere Kompass schlecht bis gar nicht – auch das ist sicher ein Grund, warum so viele Verträge geschlossen werden.)

Ich versuche, bei meinen Kunden so wenig wie möglich zu unterschreiben. Manchmal muss ich das wegen Datenschutzbla. Einmal habe ich für einen Konzern gearbeitet und hatte heftige Datenschutzvorgaben. Da ich gelegentlich eine Subunternehmerin beschäftigte, kam ich auf den Gedanken, dass ich sie einen Vertrag unterschreiben lasse, in dem ich auch den Datenschutz unterbringe. Einfach, um mich abzusichern.

Ich setzte also einen Vertrag auf über die „freie Zusammenarbeit“ zwischen ihr und mir. Je länger ich an dem Vertrag herumfeilte (MAXIMALE Absicherung! Inklusive Vertragsstrafe!), desto schlechter fühlte ich mich. Plötzlich wurde mir klar, was alles schiefgehen konnte und wie verletzlich einen so eine Kooperation macht. Ich badete in Angst. War ich eigentlich wahnsinnig, überhaupt mit jemandem zusammenzuarbeiten? Und auch noch ohne Vertrag?! Das Pamphlet wurde immer länger …

Gleichzeitig bekam ich immer mehr das Gefühl, dieser Vertrag könnte das Ende unseres freien Zusammenarbeitens bedeuten. Weil ich meine Subunternehmerin auf einmal zu Dingen zwingen wollte, die sie doch eh freiwillig zu leisten bereit war.

Ich musste abwägen. Die größte Frage war: Wie paranoid bin ich? (Spoiler: Verdammt paranoid. 😀 ) Aber irgendwas sagte mir, dass sie diesen Vertrag vielleicht gar nicht unterschreiben würde. Oder dass sie ihn unterschreiben würde, wir danach aber nicht mehr zusammenarbeiten könnten. Ich hörte auf mein Bauchgefühl und verschob den Vertragsentwurf in den Papierkorb. Sollte es noch mal einen ähnlichen Auftrag geben, werde ich mit ihr das Datenschutzthema durchsprechen.

An dieser Stelle sterben Jurist*innen wahrscheinlich einen kleinen Tod. 😀 Aber es funktioniert. Man kann sich dafür entscheiden, Dinge anders zu machen. Das Wort „Vertrag“ kommt von „sich vertragen“ – und dafür braucht man meistens keine Unterschrift.

Wirtschaft hacken

Ein Beispiel: Uwe Lübbermann und das Premium-Cola-Kollektiv verkaufen seit 17 Jahren ihre Limo an diverse Händler und Festivals – ohne einen einzigen Vertrag. Uwe und sein Team beweisen, dass man Wirtschaft auf vielen Ebenen hacken kann. Und das scheint mir auch wirklich nötig.

(Der Anfang des Vortrags ist etwas techniklastig, bitte davon nicht abschrecken lassen. Ab Minute 3:00 geht’s richtig los.)

Foto: Pixabay, Bearbeitung: Lydia Krüger

Der Beitrag Sich vertragen ohne Vertrag erschien zuerst auf Büronymus.

06 Apr 19:27

IriusRisk 2.0

by nsadmin

I’m excited to be able to share “Announcement: IriusRisk Threat Modeling Platform 2.0 Released.”

If you’re looking to scale your enterprise threat modeling program, this is worth a look.

03 Apr 18:06

Kolumne: Innovation? Innovation! Das Innovationsparadoxon

Was macht gute Innovationsprozesse aus? Und was kennzeichnet eine fruchtbare Innovationskultur? Eine Kolumne von Rolf Scheuch.

25 Mar 23:41

AI Ethics: Seven Traps

by Annette Zimmermann

By Annette Zimmermann and Bendert Zevenbergen

            The question of how to ensure that technological innovation in machine learning and artificial intelligence leads to ethically desirable—or, more minimally, ethically defensible—impacts on society has generated much public debate in recent years. Most of these discussions have been accompanied by a strong sense of urgency: as more and more studies about algorithmic bias have shown, the risk that emerging technologies will not only reflect, but also exacerbate structural injustice in society is significant.

            So which ethical principles ought to govern machine learning systems in order to prevent morally and politically objectionable outcomes? In other words: what is AI Ethics? And indeed, “is ethical AI even possible?”, as a recent New York Times article asks?

            Of course, that depends. What does ‘ethical AI’ mean? One particularly demanding possible view would be the following: ‘ethical AI’ means that (a hypothetical, extremely sophisticated, fully autonomous) artificial intelligence itself makes decisions which are ethically justifiable, all things considered’. But, as philosopher Daniel Dennett argues in a recent piece in Wired, “AI in its current manifestations is parasitic on human intelligence. It quite indiscriminately gorges on whatever has been produced by human creators and extracts the patterns to be found there—including some of our most pernicious habits. These machines do not (yet) have the goals or strategies or capacities for self-criticism and innovation to permit them to transcend their databases by reflectively thinking about their own thinking and their own goals”. Of course, reflecting on the kinds of ethical principles that should underpin decisions by future, much more sophisticated artificial intelligence (‘strong AI’) is an important task for researchers and policy-makers. But it is also important to think about how ethical principles ought to constrain ‘weak AI’, such as algorithmic decision-making, here and now. Doing so is part of what AI ethics is: which values ought we to prioritise when we (partially) automate decisions in criminal justice, law enforcement, hiring, credit scoring, and other areas of contemporary life? Fairness? Equality? Transparency? Privacy? Efficiency?

            As it turns out, the pursuit of AI Ethics—even in its ‘weak’ form—is subject to a range of possible pitfalls. Many of the current discussions on the ethical dimensions of AI systems do not actively include ethicists, nor do they include experts working in relevant adjacent disciplines, such as political and legal philosophers. Therefore, a number of inaccurate assumptions about the nature of ethics have permeated the public debate, which leads to several flawed assessments of why and how ethical reasoning is important for evaluating the larger social impact of AI.

            In what follows, we outline seven ‘AI ethics traps’. In doing so, we hope to provide a resource for readers who want to understand and navigate the public debate on the ethics of AI better, who want to contribute to ongoing discussions in an informed and nuanced way, and who want to think critically and constructively about ethical considerations in science and technology more broadly. Of course, not everybody who contributes to the current debate on AI Ethics is guilty of endorsing any or all of these traps: the traps articulate extreme versions of a range of possible misconceptions, formulated in a deliberately strong way to highlight the ways in which one might prematurely dismiss ethical reasoning about AI as futile.

1. The reductionism trap:

“Doing the morally right thing is essentially the same as acting in a fair way. (or: transparent, or egalitarian, or <substitute any other value>). So ethics is the same as fairness (or transparency, or equality, etc.). If we’re being fair, then we’re being ethical.”

            Even though the problem of algorithmic bias and its unfair impact on decision outcomes is an urgent problem, it does not exhaust the ethical problem space. As important as algorithmic fairness is, it is crucial to avoid reducing ethics to a fairness problem alone. Instead, it is important to pay attention to how the ethically valuable goal of optimizing for a specific value like fairness interacts with other important ethical goals. Such goals could include—amongst many others—the goal of creating transparent and explainable systems which are open to democratic oversight and contestation, the goal of improving the predictive accuracy of machine learning systems, the goal of avoiding paternalistic infringements of autonomy rights, or the goal of protecting the privacy interests of data subjects. Sometimes, these different values may conflict: we cannot always optimize for everything at once. This makes it all the more important to adopt a sufficiently rich, pluralistic view of the full range of relevant ethical values at stake—only then can one reflect critically on what kinds of ethical trade-offs one may have to confront.

2. The simplicity trap:

“In order to make ethics practical and action-guiding, we need to distill our moral framework into a user-friendly compliance checklist. After we’ve decided on a particular path of action, we’ll go through that checklist to make sure that we’re being ethical.”

            Given the high visibility and urgency of ethical dilemmas arising in the context of AI, it is not surprising that there are more and more calls to develop actionable AI ethics checklists. For instance, a 2018 draft report by the European Commission’s High-Level Expert Group on Artificial Intelligence specifies a preliminary ‘assessment list’ for ‘trustworthy AI’. While the report plausibly acknowledges that such an assessment list must be context-sensitive and that it is not exhaustive, it nevertheless identifies a list of ten fixed ethical goals, including privacy and transparency. But can and should ethical values be articulated in a checklist in the first place? It is worth examining this underlying assumption critically. After all, a checklist implies a one-off review process: on that view, developers or policy-makers could determine whether a particular system is ethically defensible at a specific moment in time, and then move on without confronting any further ethical concerns once the checklist criteria have been satisfied once. But ethical reasoning cannot be a static one-off assessment: it required an ongoing process of reflection, deliberation, and contestation. Simplicity is good—but the willingness to reconsider simple frameworks, when required, is better. Setting a fixed ethical agenda ahead of time risks obscuring new ethical problems that may arise at a later point in time, or ongoing ethical problems that become apparent to human decision-makers only later.

3. The relativism trap:

“We all disagree about what is morally valuable, so it’s pointless to imagine that there is a universal baseline against which we can use in order to evaluate moral choices. Nothing is objectively morally good: things can only be morally good relative to each person’s individual value framework.”

            Public discourse on the ethics of AI frequently produces little more than an exchange of personal opinions or institutional positions. In light of pervasive moral disagreement, it is easy to conclude that ethical reasoning can never stand on firm ground: it always seems to be relative to a person’s views and context. But this does not mean that ethical reasoning about AI and its social and political implications is futile: some ethical arguments about AI may ultimately be more persuasive than others. While it may not always be possible to determine ‘the one right answer’, it is often possible to identify at least  some paths of action are clearly wrong, and some paths of action that are comparatively better (if not optimal all things considered). If that is the case, comparing the respective merits of ethical arguments can be action-guiding for developers and policy-makers, despite the presence of moral disagreement. Thus, it is possible and indeed constructive for AI ethics to welcome value pluralism, without collapsing into extreme value relativism.

4. The value alignment trap:

“If relativism is wrong (see #3), there must be one morally right answer. We need to find that right answer, and ensure that everyone in our organisation acts in alignment with that answer. If our ethical reasoning leads to moral disagreement, that means that we have failed.”

            The flipside of the relativist position is the view that ethical reasoning necessarily means advocating for one morally correct answer, to which everyone must align their values. This view is as misguided as relativism itself, and it is particularly dangerous to (in our view, falsely) attribute this view to everyone engaged in the pursuit of AI ethics. A recent Forbes article (ominously titled “Does AI Ethics Have A Bad Name?”) argues, “[p]eople are going to disagree about the best way to obtain the benefits of AI and minimise or eliminate its harms. […] But if you think your field is about ethics rather than about what is most effective there is a danger that you start to see anyone who disagrees with you as not just mistaken, but actually morally bad. You are in danger of feeling righteous and unwilling or unable to listen to people who take a different view. You are likely to seek the company of like-minded people and to fear and despise the people who disagree with you. This is again ironic as AI ethicists are generally (and rightly) keen on diversity.” AI ethics skepticism on the grounds that AI ethics prohibits constructive disagreement means attacking a straw man. By contrast, any plausible approach to AI ethics will avoid the value alignment trap as much as it will avoid relativism.

5. The dichotomy trap:

“The goal of ethical reasoning is to ‘be(come) ethical’.

            Using ‘ethical’ as an adjective—such as when people speak of ‘ethical AI’—risks suggesting that there there are exactly two options: AI is either ‘ethical’ or ‘unethical’; or we (as policy-makers, technologists, or society as a whole) are ‘ethical’ or ‘unethical’. We can see this kind of language in recent contributions to the public debate: “we need to be ethical enough to be trusted to make this technology on our own, and we owe it to the public to define our ethics clearly” or “building ethical artificial intelligence is an enormously complex task”. But this, again, is too simplistic. Rather than thinking of ethics as an attribute of a person or a technology, we should think of it as an activity: a type of reasoning about what the right and wrong to do is, and about what the world ought to look like. AI ethics (and ethics more generally) is therefore best construed as something that people think about, and something that people do. It is not something that people, or technologies, can simply be—or not be.

6. The myopia trap:

“The ethical trade-offs that we identify within one context are going to be the same ethical trade-offs that we are going to face in other contexts and moments in time, both with respect to the nature of the trade-off and with respect to the scope of the trade-off.”

            Empirical evidence and public discussion can present a clear picture of the value tradeoffs and consequences with regards to the introduction of an AI technology in a particular context that may inform governance decisions. However, artificial intelligence is an umbrella term for a wide range of technologies that can be used in many different contexts. The same ethical trade-offs and priorities do not therefore necessarily–and are indeed unlikely to–translate across contexts and technologies.

7. The rule of law trap:

“Ethics is essentially the same as the rule of law. When we lack appropriate legal categories for the governance of AI, ethics is a good substitute. And when we do have sufficient legal frameworks, we don’t need to think about ethics.”

            To illustrate this view, consider the following point from the aforementioned NYT article: “Some activists—and even some companies—are beginning to argue that the only way to ensure ethical practices is through government regulation.” While it is true that realizing ethical principles in the real world usually requires people and institutions to advocate for their enforcement, it would be too quick to conclude that engaging in ethical reasoning is the same as establishing frameworks for legal compliance. It is misguided to frame ethics as a substitute for the rule of law, legislation, human rights, institutions, or democratically legitimate authorities. Claims to that extent, whether it is to encourage the use of ethics or to criticize the discipline in the governance of technology, should be rejected as it is a misrepresentation of ethics as a discipline. Ethical and legal reasoning pursue related but distinct questions. The issue of discriminatory outcomes in algorithmic decision-making provides a useful example. From an ethical perspective, we might ask: what makes (algorithmic) discrimination morally wrong? Is the problem that is wrongly generalizes from judgments about a set of people to another set of people, thus failing to respect them as individuals? Is it that it violates individual rights, or that it exacerbates existing structures of inequality in society? On the other hand, we might ask a set of legal questions: how should democratic states enforce principles of non-discrimination and due process when algorithms support our decision making processes? How should we interpret, apply, and expand our existing legal frameworks? Who is legally liable for disparate outcomes? Thus, ethics and the law is not an ‘either—or’ question: sometimes, laws might fall short of enforcing important ethical values, and some ethical arguments might simply not be codifiable in law.

Conclusion

            This blog post responds critically to some recent trends in the public debate about AI Ethics. The seven traps which we have identified here are the following: (1) the reductionism trap, (2) the simplicity trap, (3) the relativism trap, (4) the value alignment trap, (5) the dichotomy trap, (6) the myopia trap, and (7) the rule of law trap. We will soon publish a white paper clarifying the role of ethics as a discipline in the assessment of AI system design and deployment in society, which addresses these points in more detail.

13 Mar 10:59

Petition: Tempolimit 130 km/h

by Sven Türpe

Kurze Durchsage:

Bis zum 3. April 2019 könnt Ihr eine aktuelle Petition für ein allgemeines Tempolimit von 130 km/h auf den deutschen Autobahnen unterzeichnen. Mehr als 13.000 36.000 40.000 44.000 52.000 59.000 Menschen haben das bis jetzt bereits getan. Die Bundesregierung lehnt ein solches Tempolimit ab, aber vielleicht wollt Ihr Euch ja nicht völlig widerstandslos regieren lassen. Initiiert und eingereicht wurde diese Petition von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

P.S.: Falls Ihr Werbung machen möchtet, Handzettel und Aushänge zum Ausdrucken und Verteilen gibt es hier.

14 Feb 23:54

Gute Radwege rentieren sich nicht

by Sven Türpe

TL;DR: Es kommt darauf an, welche Zielgröße man optimiert, Radwegbenutzer oder vermiedene Fahrbahnradler.

Deutsche Twitterspießer nörgeln unter dem Hashtag #runtervomradweg über geparkte Autos und andere Hindernisse auf Radwegen und Radstreifen. Manchmal feiern sie auch das gleichermaßen verbotene und wegen der Sichtbehinderung für vorbeifahrende Radfahrer gefährliche Parken links neben einem markierten Radstreifen als vorbildlich. Das finnische Gegenstück dazu heißt #kuinkesäkeli und seine Anhänger klagen vor allem über Schnee, der auf Radwegen liegen bleibt.

Subjektiv ist der Ärger über vermeidbare Hindernisse leicht nachzuvollziehen, wenngleich zu einem über die Verkehrsbehinderung schimpfenden Tweet immer zwei gehören, nämlich auch derjenige, der erst einmal anhält und ein Foto macht. Hindernisse gehen jedem auf die Nerven, das Ausweichen kann gerade auf Radwegen schwierig bis unmöglich sein und wer bei der Radwegbenutzung einen Sicherheitsgewinn fühlt, sieht sich seiner Dividende beraubt.

Brutalparker und Schneehaufen sind jedoch nicht bloß Ärgernisse des Alltags, sondern auch politisch: Sie stehen uns nicht nur konkret beim Radfahren im Weg, sondern auch im übertragenen Sinne auf dem Weg in ein Fahrradparadies, in dem wir alle gemeinsam die Hyggeligkeit Kopenhagener Radwege genießen, bis der Fahrradstau vorbei ist. Um so mehr stellt sich die Frage, warum niemand etwas tut. Den einen wie den anderen Hindernissen könnte man durch konsequentes behördliches Handeln und den regelmäßigen Einsatz von Räumfahrzeugen beikommen, was jedoch systematisch unterbleibt (Update: siehe auch den Nachtrag am Ende).

Viele Radfahrer in Kopenhagen
Fahrradstau in Kopenhagen (Foto von heb@Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Aufschlussreicher als das Wehklagen über den Verfall der Sitten und fortwährendes Betteln um „mehr, bessere, sichere Radwege“ (neudeutsch: „Protected Bike Lanes“) ist eine ökonomische Analyse. Hinter systematischem Handeln und Unterlassen, gerade von Organisationen und Institutionen, stecken Anreizstrukturen, die dieses Handeln oder Unterlassen fördern. Wer sie nicht versteht, riskiert Überraschungen.

Radaktivisten gehen häufig von einem Einladungsmodell aus. Der Nutzen von Radwegen – am besten eines zusammenhängenden Radwegenetzes – bestehe darin, das Radfahren objektiv und subjektiv sicherer zu machen und damit Menschen zum Radfahren zu bewegen, die sonst das Auto oder den öffentlichen Nahverkehr benutzten würden. Dieser Nutzen steigt zu Beginn am schnellsten, wenn die ersten Radfahrer auftauchen, die nach dem Einladungsmodell sonst gar nicht auf dem Rad säßen. Als frei skizzierter Funktionsgraph sieht das so aus:

Funkitonsgraph der Nutzenfunktiion
Einladungsmodell. Der Nutzen von Radwegen bemisst sich nach ihrer Nutzerzahl, das Nutzenwachstum nach der prozentualen Steigerung.

Der Nutzen n wächst mit der Zahl der Radwegbenutzer r. Der Anstieg erfolgt jedoch nicht linear, sondern er verlangsamt sich um so mehr, je weiter die Zahl der Radfahrer wächst. Begonnen bei 0 verspricht eine geringe Erhöhung Δr1 der Radfahrerzahl zunächst einen im Verhältnis dazu hohen Nutzengewinn Δn1. Demgegenüber fällt der zusätzliche Gewinn Δn2 aus einer weiteren, viel größeren Erhöhung der Nutzerzahl um Δr2 vergleichsweise bescheiden aus. Solch eine Kurve erhält man, wenn man das Nutzenwachstum nach der prozentualen Steigerung bemisst, denn bei kleinen Ausgangswerten ist die Vervielfachung leicht.

Aus der Perspektive dieses Modells müsste man Hindernisse auf Radwegen radikal beseitigen, auch wenn sie, wie Schnee im finnischen Winter, nur wenige Radfahrer betreffen. Weniger radikal ginge man nach dieser Logik gegen überfüllte Radwege vor, denn sie wären kein Problem, sondern Zeichen des Erfolgs. Wie das Foto aus Kopenhagen oben andeutet, ist dies tatsächlich der Fall – der Stau auf dem Radweg wird als nachahmenswertes Vorbild herumgereicht und er ist natürlich etwas ganz anderes als ein Lieferwagen, dem mal drei Radfahrer ausweichen müssen.

Eine bessere Erklärung für die unterlassene Räumung liefert das Verlagerungsmodell. Anders als das Einladungsmodell misst es den Nutzen von Radwegen daran, wie effektiv der übrige Fahrzeugverkehr von Radfahrern befreit wird. Am nützlichsten sind Radwege demnach, wenn kein Radfahrer mehr im Kfz-Verkehr zu finden ist. Für diese Sicht können beispielsweise Unfallzahlen sprechen, die mit sinkendem Anteil der Radfahrer am Fahrzeugverkehr abnehmen, wenn auch nicht unbedingt proportional. Als Funktionsgraph skizziert sieht dieses Modell ungefähr so aus:

Funktionsgraph des Verlagerungsmodells
Verlagerungsmodell: Der Nutzen bemisst sich danach, wie wenige Radfahrer auf der Fahrbahn unterwegs sind, unabhängig davon, was sie stattdessen tun.

Auch hier tritt der höchste relative Nutzengewinn am unteren Rand ein – wer den letzten Radfahrer loswird, bekommt eine Autobahn. Jedoch spielt nun die Ausgangssituation eine Rolle: Je weniger Radfahrer ursprünglich unterwegs sind, desto weniger lassen sich überhaupt von der Fahrbahn weg verlagern, egal wohin, und desto geringer fällt deshalb der maximal erzielbare Nutzengewinn aus. Dabei kommt es nicht darauf an, ob die verlagerten Radfahrer auf einem Radweg wieder auftauchen, auf dem Gehweg, in der U-Bahn oder hinterm Lenkrad eines Autos. Wer gleich eine Autobahn baut, muss übers Radfahren gar nicht erst nachdenken.

Das Verlagerungsmodell kann erklären, wieso Radwege ungeräumt bleiben: Schnee und Brutalparker mögen die Radfahrer stören, doch das ist dem Modell egal, denn das Modell dreht sich um Störungen durch Radfahrer. Die aber bleiben aus: weil die Straße ohnehin nicht ausgelastet ist und den Radverkehr aufnehmen kann, weil es insgesamt nicht genügend Radfahrer gibt, um ernsthaft zu stören (statt nur mit ihrer Anwesenheit die Aufführung von Verletzheitsszenen zu provozieren) oder weil ängstliche Radfahrer auch ohne Radweg fernbleiben und sich das Nutzenmaximum so ganz von alleine und kostenlos einstellt. Und wo sich die Radfahrer ausnahmsweise einmal nicht selbst wegräumen, muss man nicht gleich angemessene Infrastruktur bauen. Etwas Farbe oder ein paar Verbotsschilder kosten viel weniger und erreichen dasselbe.

Nichts sei umsonst, heißt es, doch wenn das Optimierungsziel ist, möglichst wenig Radfahrer auf der Fahrbahn zu haben, dann kommt man sehr günstig weg. Jede Infrastrukturlösung ist viel teurer als das Nichtstun und leistet gemessen an abgewehrten Radfahrern doch nur dasselbe wie Untätigkeit und Verbote. Deswegen könnt Ihr mehr gute und sichere Radwege fordern solange ihr wollt – Ihr werdet sie nicht bekommen, denn sie rentieren sich nicht. Stattdessen muss man das Ziel der fahrradfreien Fahrbahn über den Haufen werfen und einen fahrrad-, fußgänger- und anwohnerfreundlichen Kfz-Verkehr zur Regel machen. Von dieser Basis aus mag man dann überlegen, welche Verkehrswege auch ganz ohne Autos auskommen.

PS: Die L-IZ hat Zahlen zur behördlichen Duldung des Brutalparkens in Leipzig zusammengetragen: Übers Jahr bemerkt das Ordnungsamt dort ca. 2000 Falschparker auf Radverkehrsanlagen, das sind im Mittel fünfeinhalb pro Tag oder im Jahr einer pro dreihundert Einwohner. In der Regel bleibt es dann beim Knöllchen; abgeschleppt wurden von Rad- und Fußverkehrsanlagen insgesamt nur 110 Fahrzeuge in drei Jahren oder drei pro Monat. Die Stadt hat an die 600.000 Einwohner.

02 Jan 18:04

Warum der Unilever-Rauswurf bei Kaufland eine Chance für den deutschen Lebensmittelhandel ist

by Peer Schader

Das neue Jahr beginnt mit einem der interessantesten Experimente, die es im deutschen Lebensmitteleinzelhandel in den vergangenen Jahren gegeben hat. Zum 31. Dezember 2018 hat Kaufland die Geschäftsbeziehung mit dem Konsumgüterhersteller Unilever beendet. Das Aus ist der vorläufige Höhepunkt eines seit Monaten andauernden Streits und hat zur Folge, dass Unilever-Produkte bis auf Weiteres nicht mehr bei Kaufland erhältlich sein werden.

Anders als beim Zwist zwischen Edeka und Nestlé sind diesmal nicht nur einige wenige Artikel betroffen, sondern ein ganzer Schwung bekannter Marken: Axe, Ben & Jerry’s, Coral, Domestos, Dove, Duschdas, Knorr, Lipton, Mondamin, Pfanni, Rexona, Signal, Viss.

Genau dieser Umfang macht die Kraftprobe zu einer Chance – nicht nur für Kaufland, sondern auch für kleinere Hersteller und letztlich für die Kunden – einer, die allerdings ungenutzt verstreichen könnte.

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Der Konflikt

Kaufland und Unilever streiten bereits seit dem zurückliegenden Frühjahr. Grund sind Preiserhöhungen, die der Hersteller gegenüber dem Handelskonzern durchsetzen wollte – und die dieser nicht akzeptieren will, weil sie „zu erheblichen Erhöhungen der Verkaufspreise geführt [hätten], die über marktübliche Preise hinausgegangen wären“, zitiert die „Lebensmittel Zeitung“ aus einer Kaufland-Mitteilung (Paywall). In der Folge wären Unilever-Produkte bei Kaufland wahrscheinlich teurer gewesen als bei der Konkurrenz. Das kam für Kaufland nicht in Frage, um sein Preis-Image als Großflächendiscounter nicht zu gefährden.

Unilever stellt den Konflikt anders dar. Gegenüber dem „Handelsblatt“ (Paywall) hatte Deutschlandchef Ulrich Gritzuhn im Herbst erklärt, Kaufland reagiere überzogen. Preiserhöhungen seien nur für einen Teil der Produkte gefordert worden, Kaufland habe in der Folge aber zehnmal so viele ausgelistet.

Der tatsächliche Konflikt reicht tiefer: Kaufland habe kontinuierlich Konditionenverbesserungen von Unilever gefordert, schreibt die „LZ“, und damit die Marge des Konzerns strapaziert – obwohl die Zeiten des starken Umsatzwachstums, die als Rechtfertigung dienten, längst vorbei sind.

Händler wie Edeka und Rewe dürften für Unilever in Deutschland eine sehr viel wichtigere Rolle für den Umsatz spielen. Auf ganz Europa bezogen sieht das schon wieder anders aus. Indem Kaufland den Bestellstopp für alle europäischen Märkte durchzieht, versucht der Händler den Druck zu erhöhen.


Die Konsequenz

Schon vor Monaten hat Kaufland damit begonnen, einzelne Unilever-Marken nicht mehr nachzubestellen. Dadurch entstanden erste Lücken im Regal. Zum Start des neuen Jahres ergibt sich ein unterschiedliches Bild. Einzelne vom Rausschmiss betroffene Marken (z.B. Fix-Produkte von Knorr, Lipton-Eistee, Dove-Pflegeprodukte) sind – in den von mir angeschauten Läden – weiterhin in größerem Umfang verfügbar; viele wurden aber im Preis herabgesetzt und sind am Regel als „Billiger!“ gekennzeichnet. Offensichtlich versucht Kaufland, Lagerbestände loszuwerden.

In manchen Sortimenten scheint das bereits gelungen zu sein. Axe und Duschdas fehlen im Duschgel-Regal schon komplett, stattdessen stehen als „Neu“ beworbene Artikel im Regal. Zum Teil wurden auch einfach zusätzliche Sorten bereits gelisteter Marken aufgenommen.

Pfanni ist im Laufe der Wochen an die Kartoffelpulver-Regalränder gerückt; stattdessen kommt jetzt Konkurrent Maggi zum Zug. Und in Berlin darf sich der ostdeutsche Hersteller Werner mit seinem Produktsortiment so stark ausbreiten, wie sich das kleinere Hersteller sonst niemals leisten könnten.

Das Risiko

Mal ehrlich: Im Fünf-Meter-Zahnpasta-Regal muss man schon sehr genau hinsehen, um zu merken, dass Signal fehlt.

Auch ein Leben ohne Duschdas ist möglich. (Bei Ben & Jerry’s wird’s schon schwerer. )

Für Kaufland ist der Sortimentsumbau aber zunächst einmal ein Risiko, auch wenn man in der Zentrale ätzt, aus Marktanalysen zu wissen, „dass Unilever-Produkte eine hohe Austauschbarkeit aufweisen“ (zitiert vom „Handelsblatt“). Das ist – wenn überhaupt – nur die halbe Wahrheit; sonst hätte das ja auch schon vor der Preiserhöhung durch Unilever zu Konsequenzen führen müssen, sofern der Handelskonzern sein Sortiment im Griff hat.

Fakt ist aber auch: Kaufland hatte seit dem Herbst Zeit, um zu testen, was passiert, wenn bekannte Produkte plötzlich nicht mehr im Regal stehen. Kaufen Kunden, die sich daran gewöhnt haben, Alternativen? Oder wechseln sie den Laden?

In vielen Fällen scheint die Sehnsucht nach Pfanni und Co. nicht so groß gewesen zu sein, dass es Kaufland es nicht wagen wollte, den Konflikt mit Unilever auf die Spitze zu treiben. Wie stark Kundengewohnheiten aber tatsächlich ausgeprägt sind und wie groß die Verbundenheit zu einzelnen Marken wirklich ist, wird sich erst mittelfristig zeigen. (Zumal Wettbewerber die Situation ausnutzen könnten, indem sie Unilever-Produkte zum Aktionspreis anbieten, um Kaufland-Stammkunden zu sich zu locken.)

Das Risiko für Unilever liegt auf der Hand: Sollten die Auswirkungen der Auslistung für Kaufland überschaubar bleiben, verschlechtert sich die künftige Verhandlungsposition nicht nur für den niederländisch-britischen Konzern – sondern vermutlich auch für andere Hersteller, die ähnliche Konsequenzen fürchten müssten.

Die Chance

Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel hat sich zuletzt immer stärker konzentriert, nicht nur auf Händlerseite. Es mag zwar immer mehr Märkte geben, in denen Kunden Lebensmittel einkaufen können; in vielen stehen aber doch immer bloß dieselben Markenprodukte im Regal.

Dass Aldi seit 2015 mit der Einlistung neuer Marken zusätzlich Druck macht, hat nicht geholfen; und mit dem Ende von Kaiser’s Tengelmann sind auch die Absatzalternativen für kleinere Hersteller weiter geschrumpft. Große Handelsketten und große Handelskonzerne machen zunehmend unter sich aus, was Kunden im Laden einkaufen können.

Diese Ordnung wird durch den Streit von Kaufland mit Unilever empfindlich gestört – und genau darin liegt die Chance.

Der Konflikt zwingt Kaufland zum Handeln: Der Platz im Regal muss mit Alternativen gefüllt werden. Das geht zum einen mit Eigenmarken. Dass Kaufland zuletzt stark an der eigenen Markenarchitektur gearbeitet hat (siehe Supermarktblog), sieht allerdings nur auf den ersten Blick wie ein Vorteil aus. Denn die von der Unilever-Auslistung betroffenen Sortimente standen zuletzt nicht unbedingt im Fokus der Kompetenzausweitung:

  • Die im Mai eingeführte Drogerie-Eigenmarke Bevola eignet sich allenfalls bedingt als Ersatz für alle, die bislang Dove gewöhnt waren und nicht zur Discount-Marke wollen;
  • und die Einführung seiner neuen Mittelmarke „K Favourites“ konzentriert sich derzeit auf andere Kategorien.

Um Kunden dennoch ausreichend Auswahl anzubieten, braucht Kaufland deshalb die Unterstützung anderer Markenhersteller. Das ist eine schöne Ironie – gerade einmal zweieinhalb Jahre, nachdem Vorstandschef Patrick Kaudewitz eigentlich eine radikale Bereinigung des Sortiments durchdrücken wollte und dafür zahlreiche Mittelmarken aussortierte.

„Bis zu 25 Prozent der Artikel“ sollten noch 2016 aus den Regalen verschwinden, um den logistischen Aufwand in den Filialen zu begrenzen und Geld zu sparen, schrieb die „Lebensmittel Zeitung“ damals. Den Kunden allerdings schmeckte die Sortimentsstraffung gar nicht. Auch hier im Blog machten viele ihrem Ärger Luft, manche Marken nicht mehr kaufen zu können.

Ein Jahr später knickte Kaufland ein (LZ, Paywall) und holte zumindest einen Teil der verschwundenen Artikel wieder zurück. Offensichtlich hatte sich der Kundenunmut im Umsatz bemerkbar gemacht.

Keine Frage: Das könnte auch dieses Mal passieren. Umso erstaunlicher ist, dass Kaufland die erneute Sortiments-Rochade (diesmal zu Lasten eines einzelnen Herstellers) in den Läden nicht besser erklärt. Noch dazu, weil sich die vermeintliche Einschränkung den Kunden leicht als Vorteil anpreisen ließe. Dafür bräuchte es eine gezielte Kaufumleitung am Regal – und den Mut, konkrete Alternativen zu empfehlen, z.B. mit dem Hinweis:

„Suchen Sie Produkt X? Probieren Sie stattdessen Produkt Y von Hersteller Z aus der Region!“

Oder:

„Suchen Sie Produkt X? Probieren Sie stattdessen Produkt Y zum selben Preis in Bio-Qualität!“

Auf diese Weise würden Kunden bewusst darauf aufmerksam gemacht, bei Kaufland Produkte von Herstellern zu bekommen, für die in anderen Supermärkten kein Platz ist – ohne Qualitätseinbußen in Kauf zu nehmen; Kaufland wiederum würde sich ein Stück weit der Vergleichbarkeit mit den Wettbewerbern und der permanenten Schlacht um den niedrigsten Aktionspreis entziehen können – ohne sein Preis-Image zu gefährden.

Die Realität

Bislang hab ich in den Filialen nichts dergleichen gesehen; vielerorts wird die Auslastung am Regal gar nicht (mehr) kommentiert. Dass sich etwas verändert hat, stellen Kunden erst fest, wenn sie bislang bei Kaufland erworbene Marken nicht mehr finden; oder weil plötzlich zahlreiche „Neu“-Schilder auf Cliff Duschgel und Denim Deo hinweisen. (Ist das in Ihrer Kaufland-Filiale anders? Dann schreiben Sie’s unten in die Kommentare!)

Dass man die Chance, sich als Einkaufsalternative im deutschen Lebensmitteleinzelhandel zu etablieren, verstreichen lässt, könnte entweder Mut- oder Planlosigkeit geschuldet sein.

Oder der Tatsache, dass man in Neckarsulm überhaupt nicht die Absicht hat, sich stärker als bisher vom Wettbewerb abzugrenzen. Und der Unilever-Rauswurf einzig und allein als Mittel gesehen wird, den Verhandlungspartner in die Knie zu zwingen – um letztlich doch die gewünschten Konditionen zu erhalten, die Produkte zurück in die Regale zu holen und den vorübergehenden Ersatz wieder verschwinden zu lassen.

Das ist der am wenigsten vielversprechende Ausgang des Experiments, weil er die Gleichförmigkeit des deutschen Lebensmitteleinzelhandels nicht nur wiederherstellen, sondern vermutlich sogar verstärken dürfte. (Indem große Markenhersteller dadurch endgültig die Nichtaustauschbarkeit ihrer Marken bestätigt sähen.) Aber gleichzeitig auch der realistischste.

Bereits in der Vergangenheit hat Kaufland bewiesen, dass es dem Unternehmen nicht darum geht, sich bei Kunden ein eigenständiges Profil als moderne Alternative zu den klassischen Vollsortimentern zu erarbeiten – sondern einzig und alleine darum, eine Art Lidl XXL zu sein, der sich ein bisschen was von den Strategien der Supermärkte abguckt. Noch besteht die Möglichkeit, das zu ändern.

Das Unilever-Aus bei Kaufland könnte eine große Chance für den deutschen Lebensmittelhandel sein, wieder stärker auf Vielfalt zu setzen; oder bloß ein Intermezzo, auf das die Einzementierng des bisherigen Status Quo folgt.

Korrektur: In der ursprünglichen Version dieses Texts wurden Unox und Bertolli als Unilever-Marken genannt; Bertolli wurde allerdings 2014 verkauft, Unox wird nur noch in den Niederlanden und Belgien verwendet (unilever.nl, Wikipedia).

Fotos: Supermarktblog

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Der Beitrag Die Rache der Backtresore: Aldi Süd kommt mit „Meine Backwelt“ nur zögerlich voran erschien zuerst auf Supermarktblog.