Gastbeitrag von Dieter König

Behälterlager des ZWILAG. Der gesamte hochradioaktive Atommüll der Schweiz passt in eine einzige Lagerhalle. Quelle:
ZWILAG AG
Drei Tage nach der Annahme der Energiestrategie 2050 durch das Schweizer Wahlvolk nahmen meine Frau und ich an einer Besichtigung des Zwischenlagers ZWILAG bei Würenlingen teil – zur Überwindung der Abstimmungsdepression und um den Blick meiner Frau über ihre diffus-grüne Grundüberzeugung hinaus etwas zu erweitern. Die von Urs Bolt hervorragend organisierte und von Dr. Uwe Kasemeyer fachlich bestens geführte Tour mit einer Gruppe von Gleichgesinnten führte uns in eine lediglich mittelgroße, bestens gesicherte Industriehalle.
Auf dem vergleichsweise kleinen Areal dieser Halle und in einer zweiten Halle am Standort des KKW Beznau lagert der gesamte hochradioaktive Abfall der Schweiz in großen, speziell hierfür ausgelegten, zylinderförmigen Containern. Eigenen Auges konnte unsere Gruppe quasi den gesamten hochradioaktiven Abfall der Schweiz aus mehr als 45 Jahren nuklearer Energieerzeugung überblicken. That’s it!
Reicht für den gesamten hochradioaktiven Atommüll der Schweiz: zwei Lagerhallen
Laut Dosimetern erhielten wir während der mehrstündigen Tour etwa die gleiche Strahlendosis wie während einer Stunde auf einem Flug von Zürich nach New York. Dazu zählte auch ein Aufenthalt direkt zwischen den Transport- und Lagerbehältern mit den hochradioaktiven Abfällen. Die Kühlrippen fühlen sich wie recht warme Radiatoren einer Zentralheizung im Winter an. Verbrennen kann man sich daran zwar nicht, aber man spürt die gewaltige Restenergie des »Abfalls« auch noch nach Jahren.
Diese sogenannte Nachzerfallswärme entsteht durch radioaktive Zerfälle vor allem der Spaltprodukte im Inneren der Behälter. Die Nachzerfallsleistung eines Behälters beträgt anfänglich etwa 20 bis 50 Kilowatt und nimmt im Lauf der Zeit ab. Nach 40 Jahren Zwischenlagerung sind die hochaktiven Abfälle soweit abgeklungen, dass sie einer Tiefenlagerung zugeführt werden können. Alternativ könnte man das enthaltene Uran und die Transurane als Brennstoff in Schnellen Reaktoren der Generation IV als Brennstoff nutzen, doch ist das in der Schweiz nicht vorgesehen.
Beim abschließenden Kontaminations-Check wurde bei keinem von uns auch nur ein Becquerel an Kontamination entdeckt – und wir alle wurden wieder problemlos aus der kontrollierten Zone entlassen. Auch hier: That’s it!
Überschlägig geschätzt entspricht die im ZWILAG gelagerte Menge an Abfall – beziehungsweise an Wertstoff für Kernreaktoren der Generation IV – der Energieerzeugung von mehr als 100 Gigawattjahren Elektrizität seit 1969. Dies wiederum entspricht etwa einer Gigatonne vermiedener CO2-Emissionen im Vergleich mit Kohlekraft beziehungsweise 300 bis 400 Millionen Tonnen CO2 im Vergleich mit modernsten, aber teuren GuD-Gaskraftwerken – ganz zu schweigen von den vermiedenen Emissionen verschiedenster Luftschadstoffe und Feinstaub.
Grüner Tunnelblick verhindert Sicht auf Lösungen
Trotz Klimawandels behaupten »Grüne« weiterhin allen Ernstes, dass »die enormen Risiken der Atomkraft« deren Vorteile bei weitem überwögen. Den Kernkraftkritikern ist es in über 40 Jahren unermüdlichen Einsatzes gelungen, die Diskurshegemonie zu erobern, also zu bestimmen, was öffentlich sagbar ist und was nicht, was verwerflich und was moralisch ist, was rückständig und was fortschrittlich. Sie brachten die etwa 100 Millionen Menschen umfassende deutschsprachige Bevölkerung dazu, die Kernenergie mehrheitlich abzulehnen. Kein Wunder: Die grünen Strategien funktionieren ja, die Spendengelder fließen, sogar bürgerliche Parteien erliegen grünen Kommunikationsstrategien.
In der Retrospektive mag zwar der ungezügelte Fortschrittsglaube der sechziger Jahre heute etwas gar naiv anmuten, andererseits darf man ohne weiteres annehmen, dass der heute vorherrschende, im Wesentlichen dem Zeitgeist geschuldete und zuweilen völlig übertriebene Technikpessimismus in künftigen Zeiten ebenfalls einer recht kritischen Betrachtung und Bewertung unterzogen wird.
Denn er ist heute mindestens ebenso übertrieben und verhindert durch den dadurch induzierten »Röhrenblick«, dass vorhandene kraftvolle Lösungspotentiale politisch entweder völlig übersehen oder zumindest massiv unterschätzt werden.
Unverzichtbar für ein angemessenes Lebensniveau: stabile, saubere Stromversorgung
Doch den Menschen einer Welt, welche bis 2050 wohl bis zu 10 Milliarden Menschen tragen wird, können Humanisten ein anständiges Lebensniveau nicht verweigern. Dieses ist aber ohne eine für alle ausreichende Energieversorgung auf einem minimalen, stabilen Niveau schlichtweg undenkbar.
Für eine solche, hoffentlich deutlich bessere, Welt braucht es in der Summe jedoch gewaltige Mengen klimaneutraler, zuverlässiger und im Vergleich mit anderen Energieerzeugungsformen sehr sauberer Energie.
Auch der alles andere als für eine euphorische pronukleare Einstellung bekannte IPCC hat sich in den letzten Jahren dieser Einschätzung angeschlossen. Er geht sogar davon aus, dass die Pariser Klimaziele 2015 nur mit einer Verdoppelung, ja Verdreifachung nuklearer Energieerzeugungskapazitäten erreicht werden kann. Die Internationale Energieagentur (IEA) kommt zu ähnlichen Schlussfolgerungen.
Allerdings verschließen sich die grünen Ideologen solchen Einsichten weiterhin ganz bewusst, um ihre Basis bei der Stange zu halten – obwohl auch renommierte Klimaforscher wie Dr. James Hansen und Dr. James Lovelock händeringend die sinnvolle Nutzung aller faktisch klimaneutraler Energieformen fordern. Dazu gehören Wasserkraft und Erneuerbare, aber eben auch Kernenergie – insbesondere deren weiterentwickelte Formen.
Deshalb ist es allerhöchste Zeit, hier sehr deutlich gegenzusteuern! Kernenergie und die damit verbundenen politischen und gesellschaftlichen Positionsbezüge sollen wieder »sexy« werden! Offensichtlicher Stuss, Ignoranz, Verzagtheit durch bei weitem überzogenem Betroffenheitsdenken und damit verbundenes traditionelles Gloom-and-Doom-Denken der grünen Ideologen ist aber das genaue Gegenteil davon.
Sachargumente statt grüner Diskurshoheit
Nicht wir – als Kernenergiebefürworter heute eine Minderheit – haben uns für unsere scheinbaren Außenseiterpositionen zu rechtfertigen, sondern die Kernenergiegegner. Denn angesichts des Klimawandels argumentieren sie bewusst selektiv antiwissenschaftlich und handeln durch Ablehnung der Kernenergie faktisch pro Klimawandel.
Kernenergiegegner waren früher auch einmal eine recht kleine, aber dafür umso lautstärkere Minderheit. Es ist allerhöchste Zeit, sie und vor allem ihre Anführer mit den besseren Argumenten, die wir auf unserer Seite wissen, für ihre verantwortungslose Haltung zum Klimawandel lautstark und selbstbewusst in die Verantwortung zu nehmen.
Im etwas idealisierten Setting des »herrschaftsfreien Diskurses« (Jürgen Habermas) bei welchem ausschließlich die fair vorgetragenen Argumente zählen und nicht die politischen, gesellschaftlichen Positionen der Diskutanten in der »menschlichen Hackordnung« zählen, sollten wir leicht die Oberhand gewinnen.
Denn schließlich haben wir heute die besseren Argumente!
Update 2017-05-29
Die ZWILAG machte uns freundlicherweise auf einige sachliche Fehler aufmerksam. Der Text ist jetzt entsprechend korrigiert beziehungsweise erweitert. Die wichtigsten Änderungen:
- Am Standort des Kernkraftwerks Beznau existiert ein weiteres Zwischenlager mit Transport- und Lagerbehältern. An der Tatsache, dass die Menge hochradioaktiver Abfälle insgesamt klein ist, ändert das aber nichts.
- Kurze Erläuterung der Nachzerfallswärme ergänzt.
Update 2017-08-19
Im Text korrigiert: Bei der Ausgangskontrolle wird eine etwaige Kontamination in Becquerel gemessen (Aktivität), nicht in Mikrosievert (Dosis).
Dieter König ist Geschäftsführer einer Management- und ICT-Beratungsfirma. Bis zum Fukushima-Unglück war er »lauwarmer Atomgegner« (König über König) und begann danach, sich ernsthaft mit Umwelt-, Energie- und Nuklearthemen auseinanderzusetzen. Seitdem ist König »semi-professioneller Hinterfrager medial vermittelter Realitäten« und Überzeugungstäter in Sachen Kernkraft.
Der Beitrag Kernenergie ist sexy! erschien zuerst auf Nuklearia.